Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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DAS HELDENLIED VON DER NADEL 21 und ein Gemeinsames Komitee zur Beratung von Mißständen. Langsam wurde eine brauchbare Technik für Schlichtungen entwickelt. Das Schlichtungskomitee bestand aus einem Vertreter der Arbeiter, einem der Unternehmer, und einem Unbeteiligten, der den Vorsitz führte. Es bildete sozusagen das Appellationsgericht, während das Gemeinsame Komitee, aus je fünf Vertretern der Arbeiter und der Unter nehmer bestehend, das Erstgericht darstellte. Man bemühte sich stets, die Dinge nicht bis in das Schlichtungskoniitee gelangen zu lassen, sondern sie freundschaftlich im Erstgericht zu ordnen. Der Apparat hatte kein langes Leben. Unklare Ziele, die unvermeidlichen Fehler eines ersten Versuches, der Zusammen prall entgegengesetzter Interessen in einer größtenteils aus kleinen Betrieben bestehenden Industrie, die praktischen Schwierigkeiten, die sich besonders beim Kündigungsrecht in der schlechten Saison zeigten — all dies bewirkte, daß das Protokoll nach sechs Jahren aufgehoben wurde. Das Protokoll war tot, aber der Konstitutionalismus lebte. Nach dem siegreichen Streik des Jahres 1919 wurde er in verbesserter Form wieder eingesetzt, und zwar sowohl in der Mantel- und Herrenkonfektion, wie in der Damenkleiderbranche. Die wichtigsten Bestimmungen waren die folgenden: wenn ein Arbeiter nach mehr als zweiwöchentlicher Arbeitszeit in einer Werkstätte entlassen wird, kann er rekurrieren. Wenn das ,,Erstgericht'4 die Sache nicht schlichten kann, kommt sie zur endgültigen Entscheidung zum „Unparteiischen Vorsitzenden". Dieser vertritt also hier das Schlichtungskomitee. Der Unparteiische wird von beiden Seiten gewählt und bezahlt, seine wichtigsten Eigenschaften sind Vertrautheit mit den Problemen der Industrie und Unparteilichkeit. Der Vertrag mit der Firma Hart, Schaffner und Marx bedeutete für die Herrenkonfektion noch mehr als das ..Protokoll" für die Damenkleiderindustrie. Er beendete den großen Streik der Arbeiter in der Herrenkonfektion, der in den Jahren 1910/11 in Chicago ausgetragen wurde. Von aller Anfang an war die Firma die einzige, die sich bereit zeigte, den Arbeitern entgegenzukommen. Die Einigung erfolgte auf der Grundlage, daß alle Streikenden innerhalb zehn Tagen wieder eingestellt werden, daß Gewerkschaftsmitglieder nicht schlechter behandelt werden als andere, und daß ein Schlichtungskomitee eingesetzt werde, das nicht nur den jetzigen Fall zu ordnen, sondern auch einen Apparat zu schallen habe, der künftige Differenzen ausgleichen solle. Auch hier wurden im Laufe der Zeit Änderungen vorgenommen. Ursprünglich waren zwei Körperschaften vorgesehen, die Streitigkeiten