Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Das Heldenlied von der Nadel
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912908-2912910-2926211--09813-2926353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DAS HELDENLIED VON DER NADEL 15 mische Kraft vorhanden, die kleine, unfähige Firmen vernichten, die den Konkurrenzstandard erhöhen könnte. Im Gegenteil, winzige „Fabriken" haben sich in zahllosen Mietshäusern eingeniestet, produzieren einen Haufen Kleider mittels Schwitzarbeit, werfen sie in guten Zeiten auf den Markt und sperren einfach, wenn die Nachfrage aufhört. Wenn man zugibt, daß die Juden die Schwitzbuden akzeptierten und Gebrauch von ihnen machten, heißt das noch lange nicht, daß sie sie geschaffen haben. Die Schwitzbude bleibt zweifellos ein Produkt der wirtschaftlichen und technischen Besonderheiten der Bekleidungsindustrie. Die jüdischen Einwanderer gingen bloß in die Schwitzbuden, die die Industrie ihnen vorbereitet hatte. So ist der Ruhm der Arbeiter noch größer, als wenn sie bloß ihre eigene Lage verbessert hätten. Sie können sich auch rühmen, Elend und Jammer beseitigt zu haben, wie sie die Industrie mit sich brachte, und damit der ganzen Gemeinschaft dauernde Dienste erwiesen zu haben. Damit wird nicht geleugnet, daß der Enderfolg durch gemeinsame Anstrengungen erzielt wurde, oder daß Menschen mit Gemeinsinn, soziale Arbeiter, Journalisten, Gesetzgeber, alle ihr Teil daran hatten, daß Schwitzbude und Elendsquartier verschwanden. Die eine Tatsache bleibt: erst nachdem das Akkordsystem, nicht zu schildernde Arbeitsbedingungen, Hungerlöhne die Arbeiter zum Aufruhr getrieben hatten, erst nachdem die Gewerkschaften in der Industrie ein Machtfaktor geworden waren, erst dann waren die gemeinsamen Anstrengungen von Erfolg begleitet. Wir haben erzählt, wie diese eben eingewanderten Arbeiter, von denen so viele Juden waren, sich unter jüdischer Führung aus dem Netz des Elends befreiten, das über sie geworfen worden war. In vielen Streiks erkämpften sie höhere Löhne, geringere Arbeitszeit, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, bis schließlich die Schwitzbude nur noch eine Erinnerung war. Wenn die Juden der Masseneinwanderungszeit gar nichts anderes für ihre neue Heimat getan hätten, wenn unter diese Leistung schon der Schlußstrich für ihre Mitarbeit gesetzt werden müßte — sie hätten sich die Dankbarkeit der Nation verdient. xlLber die Abschaffung der Schwitzbuden war nur ein Teil ihrer Erfolge. Mit Hilfe ihrer Gewerkschaften haben die Arbeiter der Bekleidungsindustrie gewisse bedeutsame Experimente, die für die soziale Entwicklung und das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer von großer Wichtigkeit sind, teils aus eigener Initiative an- III.