Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 9 (1931)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1931)
- Article
- Die Juden in der Jurisprudenz
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 ME N ORAH ihrem und dem Vorteile des Rechts verwerten können, zu der Rechtsanwaltschaft; denn keine andere rechtliche Tätigkeit ist so stark auf juristische Dialektik angewiesen wie die des Rechtsanwalts. Mit der Dialektik, der Kunst der Auslegung, das ist der Auseinanderlegung, hängt ein weiterer Zug jüdischen Wesens zusammen, welcher für die gesamte Wissenschaft, insonderheit aber für die Rechtswissenschaft von größter Bedeutung in positivem und negativem Sinne ist; es ist die analytische Begabung des jüdischen Menschen. In der modernen Wissenschaft macht sich diese analytisch-psychologische Bewegung überall bemerkbar; man denke nur an die analytische Wissenschaft schlechthin, die Psychoanalyse Siegmund Freuds; auch die Soziologie, welche als Gesellschaftspsychologie die Bewegungen und Ideologien der Gesellschaft aufsucht, liegt auf dieser Linie. In der Rechtswissenschaft kommt die analytische Begabung des Juden in der Schaffung und Förderung der soziologischen Rechtsauffassung zum Ausdruck. Die bedeutendsten Führer der sogenannten Freirechtsbewegung sind Juden: Eugen Ehrlich, Hermann Kantorowicz und Ernst Fuchs. Ernst Fuchs, welcher im April 1929 zu Karlsruhe starb, war durch seine Bücher und zahlreichen Aufsätze der geistige Vorkämpfer der Freirechtsschule. In leidenschaftlichem Kampfe gegen die normative R echtsauffassung, die von ihm sogenannte konstruktive Jurisprudenz und die Kryptosoziologie6), will er die Rechtswissenschaft als Grundwissenschaft entthronen; an ihre Stelle setzt er zwei Grundwissenschaften: Psychologie und Soziologie. Mit Hilfe der Psychologie soll der wahre Sachverhalt und mit Hilfe der Soziologie das richtige Recht gefunden werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit Ernst Fuchs ist im Rahmen dieser Betrachtung unmöglich. Meiner Uberzeugung nach verkennt jedoch Ernst Fuchs das Wesen des Rechts, welches im tiefsten Grunde nicht Freiheit, sondern Bindung bedeutet und verlangt. In diese psychologisch, soziologische Linie gehören auch alle modernen Bestrebungen zur Humanisierung des Rechts, zumal des Strafrechts und des Strafvollzugs. An bedeutenden jüdischen Wissenschaftlern sind hier die vor kurzem verstorbenen Straf rechtslehr er Berthold Freudenthal (in Frankfurt) und Moritz Liepmann (in Hamburg) zu nennen. Die analytisch-psychologische Einstellung unserer Zeit und Wissenschaft bringt wie auf allen Gebieten so auch im Gebiete der Jurisprudenz eine weit verzweigte Spezialisierung mit sich. Neue Rechtsgebiete werden in Arbeit genommen; zum Beispiel Arbeitsrecht, Funkrecht, Steuerrecht,