Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Brief aus Polen
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 584 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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584 ME N ORAH fen, der in ein dunkles und enghalsiges Gefäß hineingefallen ist, wieder ans Licht zu bringen. Dabei gehen Stunden, Monate und Geld verloren. Geld, Geld, sehr viel Geld! Bedenken Sie, daß eine Bohrung bis zu 1500 Meter etwa 90.000 Dollar kostet, und ziehen Sie daraus den Schluß, daß weder Sie noch ich jemals Grubenbesitzer werden können. Es ist ein Lotteriespiel für Leute, die es eigentlich nicht mehr nötig haben, für Banken und Konsortien und amerikanische Milliardäre. Die Menschen, denen hier einmal das Glück aus der Erde entgegenspringt, haben eigentlich schon das Organ verloren, das uns befähigt, durch materiellen Gewinn glücklich zu werden. Es ist ein gewisser Gegensatz zwischen der märchenhaften Art der Erde, Schätze zu spenden, und dem Aktienbesitz der Naphthagräber und der stoischen Ruhe, mit der sie das Wunder erwarten dürfen. Diese armen Schatzgräber sitzen sehr weit entfernt vom Schauplatz der Naturwunder, in den großen Städten des Westens, und der Umstand, daß sie fern, mächtig, unsichtbar und fast unpersönlich sind, verleiht ihnen den Glanz von Göttern, die miltels geheimnisvoller Ausstrahlung Ingenieure und Arbeiter dirigieren. Der allergrößte Teil der polnischen Gruben liegt im Besitz ausländischer Finanzgewalten. Aus einer Art mystisch gefüllter Kassen werden die Arbeitskräfte bezahlt. Irgendwo weit, auf den großen Börsen der Internationaliät werden Aktien gehandelt und Transaktionen vollziehen sich nach unerforschten Gesetzen. Das Werden und Vergehen der Himmelskörper im Weltraum ist den Astronomen besser bekannt als den Grubenverwaltern und den Direktoren der Wechsel der Grubenbesitzer. Die kleinen Beamten dürften nur dasitzen und zittern, wenn ihr Ohr der Widerhall größerer Gewitter auf den Weltmärkten trifft. So wurden zum Beispiel in diesen Tagen drei große Unternehmungen: „Fanto", .,Nafta" und „Dombrowa" an ein französisches Konsortium verkauft. In Paris war es nur eine kleine Konferenz, drei oder vier Herren zogen ihre Füllfeder und wischten ihre Namen unter Verträge. In Boryslaw und im Land aber werden 500 Beamte brotlos und der Hunger sieht durch ihre Fensterscheiben und klinkt schon ihre Türen auf. weil in Paris ein Gott ein kleines Sätzchen gesagt hat: Es werde zentralisiert! Und weil es ein französischer Gott war — und nicht zufällig ein englischer — durchwirken außenpolitische Motive die bedauernden und über dieses Ausmaß der Arbeitslosigkeit erschrockenen polnischen Zeilungsartikel. Skeptiker wollen wissen, daß die neuen Besitzer nur ein Börsenmanöver planen und lediglich den Verkauf der Aktien zu hohen Preisen und eigentlich