Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Der Weltkrieg als ein Wendepunkt im sozialen und wirtschaftlichen Leben des Ostjudentums
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 558 (sequence 2)
- Language
- German
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558 MENORAH sich auf den Gütern des Adels niederlassen und schufen hier eine Menge kleinerer Siedlungen. Die Juden bildeten in diesen Städtchen ein Bürgertum zweiten Ranges, das von dem Adel in voller Abhängigkeit; war. Ein sehr bedeutender Teil der Juden hat sich aber über das platte Land verbreitet, und ist zum Vermittler zwischen dem Adel und den leibeigenen Bauern geworden. Diese Juden hielten ganze Güter oder einzelne gewinnbringende Unternehmungen auf diesen in Pacht wie Mühlen und besonders Schankwirtschalten. Die Juden bewegten sich dabei nach dem Osten, wo es noch wenig königliche Städte gab, besonders nach der neu von den Tataren eroberten Ukraine. So drangen sie bis zu den Grenzen Moskoviens vor, die sie aber nicht zu überschreiten vermochten, denn seitdem am Ende des XV. Jahrhunderts die Kelzerei der Judaisierenden (jeresj zhidovstvujuschtscliich) den griechisch-orthodoxen Staat eine kurze Zeit gefährdete, wurde dieser zum entschiedenen Feind des Judentums und sperrte den Juden seine Grenzen. So bildete sich seit dem XVI. Jahrhundert der Typus des Ostjuden heraus, der in gewissen Hinsichten verschieden von demjenigen der Juden ist, die im Westen sich in spärlicher Zahl noch zu behaupten vermochten. Die Westjuden waren bis zum XVIII. Jahrhundert typische Ghettogestalten. Sie waren in die Ghetti der größeren Städte eingepfercht und konnten nur in wenigen Berufen, wie Wucher, Trödelbandel und nur ausnahmsweise Großhandel, tätig sein. Die Ostjuden waren nur in geistiger Hinsicht gleich den Westjuden Ghetlomenschen. Sie lebten aber nur selten in Ghetti, sondern in Kleinstädten oder auf dem Lande zerstreut. Ihre Berufstätigkeit war ebenfalls einseitig, aber doch nicht in dem Maße wie die der Westjuden. So wurde die Hauptmasse des europäischen Judentums vor Vernichtung und Degeneration gewissermaßen gerettet. Ihre Lage barg aber in sich auch negative Seilen und Gefahren. Schon die Talsache, daß Polen zu einem modernen Staat sich nicht zu entwickeln vermochte, beschränkte ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten. Insbesondere gefährlich war aber die Rolle der Juden als eines Werkzeugs der Ausbeutung der leibeigenen Bauern seitens des polnischen Adels. Auf diese Weise lenkten die Juden den Haß der Bauern auf sich. Das Unwetter kam gerade aus der Ukraine. Die Ukrainer, die ihr gesegnetes Land in einem ununterbrochenen Kampfe gegen die Tataren eroberten und von denen ein Teil in freien Gemeinschaften der Kosaken noch fortlebte, waren ähnlich den russischen Bauern keineswegs so niedergeschlagen und demütig wie die Bauern Polens. So ist es in der Ukraine im Jahre