Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Das Problem der antiken Synagoge
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 553 (sequence 4)
- Language
- German
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DAS PROBLEM DER ANTIKEN SYNAGOGE 553 Manchen wird jedoch die Frage interessieren, wer bei wem ent lehnt haben mag. Im Mittelalter ist die Situation klar. Natürlich sind da die Juden die Nehmenden, die Christen die Gebenden. Wer würde behaupten, daß sie die zweischiffige Anlage mit der Pfeilerreihe auf der Mittelachse des Kultraumes für ihre Zwecke selbst geschaffen hätten. Sie sahen diese Bauanlage in den Sitzungssälen der Rathäuser, in den Kapiteln der Klöster, in den Kirchen der Ordensbrüder. Es war das die anspruchsloseste, einfachste, billigste Bauanlage. Sie übernahmen sie. dieBaumeister empfahlen sie ihnen. Ist es denkbar, daß Juden kathedralartige Bauten für ihren Gottesdienst im mittelalterlichen Deutschland hätten errichten können? So entsprachen die zweischiffigen Synagogen in Worms und in Regensburg durchaus der sozialen Lage der Juden jener Zeit. In der Antike lagen die Verhältnisse wohl umgekehrt. Im Anfang wenigstens. Die christliche Gemeinde entlehnte mit den Formen des Gottesdienstes auch den baulichen Ausdruck des liturgischen Gedankens bei den Juden. Aber die Kirche baute an dieser entlehnten Form, sohald sie siegreich und mächtig wurde, in beschwingtem Tempo weiter, während in der Synagoge die schöpferische Kraft erlahmte. Es ist eines der fesselndsten Probleme, das wir hier berühren, diese Frage nach dem Ursprung in der Entwicklung des Synagogen baues und des Kirchenbaues. 13 aß uns eine Synagoge aus vorchristlicher Zeit erhalten geblieben ist, ist für die Untersuchung des uns beschäftigenden Problems besonders wichtig. Hier, in einem Bau des zweiten vorchristlichen Jahr hunderts, der schon da war, als es noch keine Kirchen gab, kann man feststellen, was die Synagoge mitgebracht hatte, was ihr eigener, selbständiger Beitrag war. (Das Verhältnis der Synagoge zur heidnischen Kunst ist eine andere Frage.) Diese älteste erhaltene Synagoge befindet sich auf der griechischen Insel Delos. Die Franzosen, die Ecole frangaise d'Athenes, haben sie 1912/13 mit finanzieller Unterstützung des Herzogs de Loubat ausgegraben. Wundervoll muß der Anblick der Ruine in der Nähe des Meeres sein (Fig. 1), und ich denke es mir als etwas besonders Schönes, eine Reise gleichgesinnter jüdischer Seelen nach diesem Wall fahrtsort (sollte ein Wallfahrtsort werden)!. Was die photographische Aufnahme gewährt, ist sehr versprechend. Also, um jeden Zweifel vorwegzunehmen: eine Inschrift ist an Ort und Stelle vorhanden, die besagt, daß es sich um eine Synagoge handelt. Der Kultraum ist ein längliches Rechteck, an dessen Schmalseite an der Westwand zwischen