Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 531 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 531 Reinhardts Aufführung des ,,Kaufmanns von Venedig", die ich von einem Sitz auf der letzten Galerie sah, machte auf mich einen unbeschreiblichen Eindruck. Ich meinte, in ein Märchenland versetzt zu sein. Der Himmel, die Landschaft, die Bäume auf der Bühne, die fröhliche, jugendfrische Mädchenschalkheit und dann - Schildkraut als Shylock! Ein breiter, aufrechter Jude, der fest wie eine Säule steht und sein Recht fordert. Nur die realistische Nuance, das Messer in den Mund zu nehmen, störte mich ein wenig. Selbstverständlich beschwor meine Phantasie sofort allerhand Visionen herauf — ein Stück von mir auf dieser Bühne, mit Schildkraut in der Hauptrolle! Ich wollte hinter die Bühne, um Schildkraut zu danken. Doch -— wer bin ich denn? Ich wagte es nicht. Meine Phantasien ließen mich nicht mehr los. Vor meinen Augen stand unablässig eine Aufführung bei Reinhardt und eine Rolle für Schildkraut. Unter dieser Suggestivvorstellung schrieb ich im Winter 1906 in Köln das Drama „Der Gott der Rache". Aber wie zu Reinhardt kommen? Ich wagte nicht einmal, davon zu träumen. Im Sommer fuhr ich nach Polen, um Perez, dem Meister, mein neues Stück vorzulesen. Mit meinen früheren dramatischen Werken war Perez nicht zufrieden. Er erklärte, ich sei kein Dramatiker und verzettle bloß mein Talent mit Theaterstücken. Mit dem ,,Gott der Rache" wollte ich seine Meinung über mich verbessern. Aber du lieber Gott, was bekam ich nach der Vorlesung des Stückes zu hören! Sämtliche anwesenden Kollegen lachten mich aus und der Meister riet mir ernstlich, das Stück zu vernichten, da es meine so schön begonnene Laufbalm vollständig vernichten würde. Damals sagte ich mir: ,.Jeder Entdecker entdeckt nur sich selbst" — und faßte den festen Entschluß, niemals Lehrer zu sein. Ich verließ Polen und wurde von meinem Meister unabhängig. Schon früh war in Amerika der berühmte jüdische Arbeiterführer und englische Schriftsteller Ab K a h a n auf mich aufmerksam geworden. Er hatte einige Jahre vorher die Redaktion der sozialistischen jiddischen Zeitung „Vorwärts" in New7 York übernommen, die er seither zu einem der größten Blätter der Welt gemacht hat. Kahan hatte noch in meinen Anfängen einige Artikel über mich veröffentlicht und wurde später mein Freund und lebenslänglicher Herausgeber. Damals nun empfahl er mich dem berühmten jüdisch-amerikanischen Schauspieler Jacob Adle r. der gerade zu dieser Zeit eine Europareise machte, um Stücke für sein Repertoire zu erwerben; ich traf mit Adler,