Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 530 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912907-2925942--09612-2926082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
530 MENORAH Hier sei eine Bemerkung eingeschaltet: Ich kenne sehr wohl die Leiden, die meine Brüder in der ganzen Welt durch den Antisemitismus zu erdulden haben. Ich persönlich aber bekam den Antisemitismus nicht zu spüren, im Gegenteil — meine christlichen Kollegen haben mich stets gefördert und in christlicher Gesellschaft begegnete ich, obwohl ich die Kennzeichen meiner Rasse und Nation als ganz selbstverständlich trage, stets Wärme und brüderlicher Liebe. Ich danke Gott dafür, weil dies jede Verbitterung von mir fernhielt und mir die Möglichkeit gab, meinen christlichen Mitmenschen Gleiches mit Gleichem zu vergelten . . . Nach der Aufführung meines ersten Bühnenstückes besserte sich unsere materielle Lage ein wenig. Auch gelang es damals — nach der Revolution des Jahres 1905 —, von der Zarenregierung die Erlaubnis zur Herausgabe der ersten jüdischen Tageszeitung „Der Frajnd" zu erlangen. Das schuf die Möglichkeit, schriftstellerische Arbeiten häufiger zu veröffentlichen. Überdies zeigte sich unter dem Einfluß der Revolution in den jüdisch-demokratischen Kreisen Polens und Rußlands größeres Interesse für die jiddische Volkssprache. So konnte ich meine Frau von ihrem Beruf freimachen und wir waren wieder vereinigt. Daß ich Frau und Kind bei mir hatte, wirkte befruchtend auf mein Schaffen. In einem schönen, versteckten Örtchen an der Weichsel, wo wir bescheiden leben konnten, vollendete ich damals mein erstes größeres episches Werk ,,Das Städtchen", das mein Ansehen in der jiddischen Literatur befestigte und mir einen Namen machte. Es ist bis heute eines der beliebtesten Bücher in der jüdischen Masse, wurde in viele Sprachen übersetzt und wird in den jüdischen Schulen gelesen. Zugleich setzte ich meine dramatische Produktion fort. Mein erster Dreiakter „Messias' Zeiten" wurde in russischer Übersetzung durch die berühmte russische Schauspielerin K o m i s s a r s c h e wT s k a j a zur /Aufführung gebracht. Dieses Stück führte mich in die russische Literatur ein. Es wurde auch auf der jüdisch-amerikanischen und polnischen Bühne günstig aufgenommen. Der Erfolg von ,,Messias' Zeiten" auf der russischen Bühne gestattete uns, die erste Reise ins Ausland zu machen. Unsere kleine Familie — inzwischen war der zwreite Sohn gekommen — übersiedelte nach Kol n. Dorthin zog es mich schon lange, denn in mir wirkte der zauberhafte Reiz der jüdischen Legenden über die Gegend, wo die ersten Aschkenasim wohnten. Auf der Reise machten wir in Berlin Station und dort sah ich zum ersten Mal in meinem Leben - Reinhardt und Schildkraut.