Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 529 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 529 f iihrlich getan. Die vielen obdachlosen Studenten, die in diesem Hause ein Heim und in meiner Schwiegermutter eine Mutter fanden, können bezeugen, daß ich von der grenzenlosen Güte dieser seltenen Frau nicht zuviel, eher - aus familiärer Zurückhaltung — zu wenig gesagt habe. Meine Frau war ebenso jung und unerfahren wie ich. Wir haben uns gemeinsam erzogen. Fast dreißig Jahre dauert unser Glück. Der Ehe sind vier Kinder entsprossen: der älteste Sohn Nathan, ein begabter junger amerikanischer Schriftsteller, der in letzter Zeit auch in Deutschland Aufmerksamkeit erregt hat; der zweite, Moses, der Radiotechnik studiert hat und in seinem Fach in Amerika tätig ist; Jochanan, der dritte Sohn, hat eine landwirtschaftliche Schule in Amerika beendet und übt seinen Beruf in Palästina aus; die jüngste, unsere Tochter Ruth, lebt bei uns. Über meine Frau kann ich nicht schreiben, denn ich glaube, daß an uns sich der Satz der Bibel bewahrheitet hat: „Wir sind eine Seele geworden." Ein Jahr nach unserer Hochzeit kam der Älteste zur Welt. Meine Schwiegereltern waren arbeitsame, aber arme Leute. Meine Einkünfte waren durch die Heirat nicht größer geworden. Der Schwiegervater verlangte, ich möge studieren. Meine Frau, die Lehrerin von Beruf war, nahm eine Stelle in einer polnischen Provinzstadt an. Ein Jahr nach der Geburt unseres ersten Kindes mußten wir uns trennen; meine Frau ging mit dem Kind in die Provinz, um ihre Lehrstelle anzutreten, ich nach Krakau, um zu studieren. In Krakau lernte ich die wahrhaft glänzende Persönlichkeit des polnischen Kritikers W i t k i e w i c z kennen sowie den schon damals berühmten polnischen Schriftsteller Zeromski. Beide förderten mich sehr, aus keinem andern Grunde als aus reiner Menschenliebe. Sie redeten mir nicht zu, zur polnischen Sprache überzugehen, im Gegenteil — sie ermunterten mich, in der Sprache meines Volkes zu schreiben. In Witkiewicz fand ich einen Lehrer und Führer und von Zeromski lernte ich, meinen Beruf ernst aufzufassen und ergeben meinem Volke zu dienen. In dem Jahr, da ich das Glück hatte, mit diesen beiden Männern beisammenzusein, wurde ich viel reifer. In ihrer Nähe schrieb ich auch meine ersten dramatischen Werke: „Zurückgekehrt" und „Sünde". Frau Witkiewicz übersetzte das erste Stück nach meinem Diktat ins Polnische. Witkiewicz und Zeromski setzten es durch, daß mein erstes dramatisches Werk vom Polnischen Nationaltheater in Krakau angenommen wurde (was angesichts des Verhältnisses zwischen Polen und Juden damals ein Ereignis bedeutete). Und tatsächlich sah ich mein erstes Werk auf dieser Bühne dargestellt.