Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 528 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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528 MENORAH zeugte Anhänger der Volkssprache und sahen uns als ihre Vorkämpfer an. Hier sei in Liebe der Männer gedacht, die uns in dieser argen Zeit halfen: des Verlegers L i t z k i, der stets für das Jiddische eintrat, und des Besitzers eines Milchrestaurants, Jechiel K o t i k, der uns langfristigen Kredit für das, was wir bei ihm verzehrten, einräumte. Ihn habe ich in meinem Roman „Warschau" geschildert. In diesen Jahren des Hungers und der Not lernte ich die Armut in allen ihren Formen kennen. Sie war meine beste Lehrmeisterin. Ich glaube, daß jeder, der Schriftsteller werden und Menschenschicksal schildern will, selber die Schule des Hungers durchmachen muß . . . Die Hungerjahre haben mich mehr bereichert als die satten Jahre. Ihnen verdanke ich die Motive zu „Motke der Dieb", zum „Gott der Rache" und das Buch „Warschau". Wir drei hatten einen einzigen Feiertag in der Woche. Das war der Sabbatnachmittag, wenn wir uns in dem bescheidenen Heim unseres Meisters J. L. Perez versammelten. Bei diesen Besuchen gab es immer Kaffee und Kuchen, viel, viel mehr aber geistige Nahrung. Wir lasen Perez unsere Schöpfungen vor und dann wurden sie in dem kleinen Zimmerchen dem Urteil der Kollegen unterworfen (eine andere öffentliche Meinung besaßen wir nicht). Und dort fiel die Entscheidung: gut oder schlecht. Perez regte uns damals auch an, Folklore zu betreiben, und so brachte an jedem Sonnabend der eine ein Volkslied mit, das er auf der Straße oder in einer Werkstatt aufgeschnappt hatte, ■-- der andere eine Volkssage oder Legende. Der Meister sammelte alle diese Stücke. Viele seiner weltberühmten „Volkstümlichen Geschichten" stammen aus diesem Material, aus dem dann auch der bekannte Schriftsteller A n s k i, der Dichter des „Dybuk" schöpfte. . . Die Sabbatnachmittage bei Perez in meiner Hungerperiode waren Lichtstrahlen meines Lebens. In dieser Zeit war mein armer Vater gezwungen, in seinem hohen Alter das Haus zu verkaufen, das er selbst für seine Kinder gebaut hatte; er wanderte mit seiner zahlreichen Familie nach Amerika aus. Im Lande blieben nur zwei verheiratete Brüder und — ich, der sich bereits hier verwurzelt fühlte. Durch einen Zufall lernte ich damals meinen künftigen Schwiegervater S p i r a kennen. Meine Schwiegermutter wurde für mich mehr als eine Mutter. Die Periode des Hungers und der Obdachlosigkeit war zu Ende. Das Heim meines Schwiegervaters werde ich hier nicht noch einmal beschreiben ----- ich habe es in meinem Roman „Warschau" aus-