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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 523

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 523 (sequence 13)
Language
German
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SGHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 523 konnte nicht anders. Wo ich etwas sah, was mich interessierte, blieb ich stehen. Ich belauschte den Zank von Eheleuten, nahm an jedem Straßenauflauf teil, besuchte im Sommer jede Dorf-Kirmes. Die Prügel, die ich dafür einheimste, kamen gewöhnlich doppelt: von den Bauern und von den Juden; aber meine Leidenschaft, Menschen zu beobachten und das Leben zu betrachten, blieb unvermindert. Nach dem Jahr auf dem Dorfe regte sich die Sehnsucht nach der Stadt und ich ging nach Wloclawek, einer größeren Provinzstadt nahe der deutschen Grenze. Dorthin zog es mich, da Wloclawek im Rufe stand, kultivierter und gebildeter zu sein als meine Heimatstadt. Ich hatte auch mehr Gelegenheit Bücher zu bekommen, mit deren Hilfe ich Selbstunterricht nahm. Lektionen zu erhalten fiel mir jedoch schwer, denn in Wloclawek gab es bessere und geschultere Lehrer als ich es war. So verdiente ich mir denn meinen Lebensunterhalt, indem ich — Brief Schreiber wurde. In diesen Beruf geriet ich auf folgende Weise: Eines Tages kam ein Lederarbeiter zu mir mit der Bitte, ihm einen Brief an seine Braut (oder seine Liebste) zu schreiben. Ich ließ mir nur den Namen nennen, alles andere besorgte ich selbst. Natürlich entstand ein glühender Liebesbrief, der seinen Eindruck auf die Empfängerin nicht verfehlte. Damit war mein Ruf als Briefschreiber begründet und ich wurde bald stadtbekannt. Und nun kamen liebesbedürftige Jünglinge, betrogene Bräute, die durch heiße Worte das erloschene Liebesfeuer ihrer Verführer wieder anfachen wollten, auch hochbetagte Frauen, die in ihren Kindern jenseits des Ozeans Mitleid mit ihrem Greisenalter zu wecken wünschten. Aber auch andere Sorten von Briefen wurden bei mir bestellt. So wurde ich zum Beispiel einmal durch einen Geheimeingang zu einigen Mädchen geführt, die von Händlern mit lebender Ware" nach Argentinien gebracht werden sollten. Meine Tätigkeit als Briefschreiber gab mir Gelegenheit, in die verborgensten Geheimnisse des Menschenlebens einzudringen. Ich erfuhr intime Dinge, von denen ich keine Ahnung gehabt hatte, und lernte die vertraulichsten Episoden des Lebens kennen. Dieser Periode habe ich auch das Motiv meines Dramas „Der Gott der Rache" zu verdanken. Das Jahr auf dem Dorfe, wo ich die Natur kennen lernte, war meine Elementarschule — aber die Zeit, da ich mich in der Provinzstadt Wloclawek mit Briefschreiben beschäftigte, war, wie Gorkij es ausdrückt, „meine Universität". Ich lernte wenig, las sehr viel — von Schundromanen bis zu philosophischen Werken alles, was mir unter die Hände kam. Tolstoj, Gerhart Hauptmann und der polnische Schriftsteller Boleslaw Prus

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