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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 524

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 524 (sequence 14)
Language
German
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524 MENORA II machten den stärksten Eindruck auf mich. Angesteckt von der nationalen Stimmung, die damals — nach dem Entstehen des Zionismus — im jüdischen Ghetto herrschte, wurde ich selbstverständlich begeisterter Zionist, träumte vom neuen Palästina, schrieb über nationale Themen und zwängte dabei im Schweiße meines Angesichts meine Gedanken und Bilder in eine Sprache, die ich nicht vollkommen beherrschte und die weit entfernt von dem Leben war, das ich schilderte; das Hebräische, in dem ich schrieb, war für mich eine Art von Prokrustesbett — doch mir kam nicht einmal der Gedanke, ich als Jude könnte in einer anderen Sprache schreiben. Von der Existenz einer jiddischen Literatur hatte ich damals keine Ahnung. Da fielen mir zufällig in einer sozialistischen Vereinigung — gerade zu dieser Zeit begannen sich solche Gruppen in den jüdischen Städtchen zu bilden — die Erzählungen „Das Strajmel" und „Boncie schweigt" von .1. L. P crez in die Hände, sowie einige Nummern der ersten jiddischen Wochenschrift ,,Der Jid", die damals zu erscheinen begann. Der Aulruhr, den diese Schriften in mir weckten, läßt sich nicht schildern. Ich hatte das Gefühl, als hätte jemand die Fesseln von meinen Händen gelöst: Du lieber Gott, ich darf doch schreiben, wie ich spreche, über das Leben, das ich sehe, in dem ich stelle! Ich muß nicht auf den Stelzen einer mir unnatürlichen Sprache gehen, muß nicht Motive vom ,,Berg Zion" herabholen! Dennoch traute ich mich nicht, Jiddisch zu schreiben, - denn es erschien mir zu einfach, zu leicht. Im Sommer des Jahres 1899 fuhr ich nach W a r s c Ii a u. um mit eigenen Augen den großen Zauberer Perez zu sehen, der meine Hände von den Fesseln befreit hatte. Mit pochendem Herzen klopfte ich an seine Tür. Er selbst öffnete. Natürlich sprach ich zu ihm hebräisch — wie durfte ich denn anders zu einem so großen Mann sprechen? Ich legte ihm ein Stimmungsbild vor, das ich hebräisch geschrieben hatte. Er sah es durch und fällte sein Urteil: ,,Sie wollen ja etwas sagen, aber Sie tragen ein Korsett! Fahren Sie nach Hause, dort schreiben Sie das, was Sie wollen, jiddisch nieder und senden Sie es mir ein!" Bei Perez traf ich damals den später berühmt gewordenen jiddischen Erzähler und Essayisten Nomberg, Er las Perez seine Erzählung .,Die Augen" vor. Ich hörte gespannt zu, voll Verwunderung, daß es möglich war, derlei im Jiddischen auszudrücken. Nomberg nahm mich in seine Wohnung mit, und dort lernte ich den zweiten Freund meines Lebens kennen, den nachmals hochberühmten Volksdichter Abraham Reisen. Beide nahmen sich meiner freundschaftlich an und

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