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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 522

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 522 (sequence 12)
Language
German
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522 M ENORAH nicht nur bei meinen Lehrern, sondern auch bei meinen Angehörigen hervorrief! Der Vater war, wie bereits erwähnt, die ganze Woche nicht zu Hause, die Mutter von dem großen Hauswesen völlig in Anspruch genommen. So hatten meine älteren Brüder die Aufsicht über meine Erziehung inne. Nun durchsuchten sie meine Taschen nach Büchern und anderen Geheimnissen — dabei kamen nicht nur die Bündchen in den blauen Umschlägen, sondern auch meine eigenen schriftstellerischen Produkte ans Tageslicht. Beide wurden nach dem Muster der Inquisition zum Feuertod verurteilt und ich hatte die Ehre, daß meine eigenen Schriften in demselben Feuer verbrannten wie die deutschen Klassiker. An unseren Geisteskindern sott meine Mutter einen Topf Kartoffeln gar. Ich selbst mußte um meines Berufes willen, wie bereits so viele Schriftsteller vor mir, eine schmähliche Exekution auf meinem nackten Leib erleiden . . . Ich sah nur zwei Möglichkeiten vor mir: entweder mir das Leben zu nehmen oder in die Welt zu gehen. Da ich keine Lust hatte, mir das Leben zu nehmen, wählte ich die zweite Möglichkeit. Doch weit fortzugehen fehlte es mir an Mut. So nahm ich denn eine Stelle als „Lehrer" an, die mir ein Verwandter anbot. Er schlug mir vor, bei ihm in dem nahen Dorf, wo er eine Meierei betrieb, zu wohnen und seine Kinder in der Bibel und dem dazu gehörigen Kommentar des Raschi zu unterrichten. Ein volles Jahr verbrachte ich im Dorf. Leider hatte ich keine Bücher, denn der Aufklärer von Kutno wollte mir nach dem Schaden, den er durch mich erlitten hatte, keine mehr leihen. Da ich aber nach Wissen dürstete, ließ ich mir für das Geld, das ich durch meine Lehrtätigkeit verdiente und das ursprünglich für meine geplante Reise nach der Großstadt bestimmt war, Bücher kommen. Viele Bücher erhielt ich für mein kärgliches Salair nicht; dagegen besaß ich ein anderes Buch, aus dem ich in vollen Zügen trank: die Natur, die sich mir hier im Dorf zum erstenmal enthüllte. Ich benützte jede freie Stunde, um durch Feld und Wald zu streifen, und spürte die Geheimnisse von Fels und Busch auf. Der winterliche Wald übte viel stärkeren Reiz auf mich aus als der sommerliche. Auch die schneebedeckten Felder hatten eine eigenartig zauberhafte Wirkung. Ich drang in die Bauernhütten ein, lernte ihre Bewohner und das Landleben kennen. In diesem Jahr auf dem Dorf habe ich meiner Meinung nach von der Natur und den Menschen viel mehr gelernt als später aus Büchern. Seit je hatte ich einen geradezu leidenschaftlichen Trieb, Menschen zu beobachten und das Leben in allen seinen Äußerungen aufmerksam zu betrachten. Das hat mir gar oft Prügel eingetragen, — doch ich

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