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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 521

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 521 (sequence 11)
Language
German
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SC1IAL0M ASCII ERZÄHLT SEIN LEBEN seinen Mystizismus und tiefen Ernst an. Auch Hebbel wirkte stark auf mich, jedoch mehr durch seine realistischen als durch seine historischen Dramen, wie ich denn überhaupt von früher Jugend an mehr mit dem realen Leben verbunden war als mit Phantasien. Jede Szene des reaLen Lebens vermochte unerhörte Wirkung auf mich zu üben. Phantastisches und Deklamation ließen mich stets kalt. Erst in dieser Zeit erwachte in mir der wirkliche Drang, selbst zu schreiben. In meiner Naivität war ich überzeugt, daß ich wohl keine Reime, — aber Dramen zu schreiben imstande wäre. Doch in welcher Sprache? Ich wußte, daß die Sprache, die ich im täglichen Leben gebrauchte und die rings um mich tönte, ein Jargon ' war und daß es sich nicht schickte, „Höheres" in ihr auszudrücken. Das Hebräische, das ich damals zusammen mit meinen Kollegen fleißig studierte, war für mich ungeeignet, da es für das, was ich ausdrücken wollte, zu kurz, zu knapp war, Ich dachte natürlich jiddisch und mußte nun mühsam hebräische Worte suchen, die meine Gedanken übersetzten. Und das Hebräische, das solchen Zauber auf mich ausübte, wenn ich in der Bibel das Leben der Patriarchen las, erschien mir sofort leer, gekünstelt und schief, wenn ich daranging, seine Worte den Gefühlen und Bildern anzupassen, die das Leben in meiner Umgebung betrafen. So entschloß ich mich - - da ich ja ohnedies nur für mich seihst schrieb — meine Dramen in der „deutschen Sprache" abzufassen, die ich las. jedoch mit Verwendung des hebräischen Alphabets. Es ist nicht schwer zu erraten, was für ein Deutsch" das war. In meinen Dramen wimmelte es geradezu von dem Wort „Frevel", das ich in Mendelssohns Psalmen- Übersetzung kennen gelernt hatte. Den Inhalt der Dramen lieferten mein eigenes Leben, mein junges Liebesleid, meine Wünsche und meine Sehnsucht nach der großen Welt, wobei Wirklichkeit und Phanlasie miteinander vermengt waren. Doch mit Lust und Freude malte ich meine Hieroglyphen auf unzählige Bogen Papier und nieine Phanlasie entführte mich in wunderbare Welten, in denen ich mir die herrlichsten Rollen zuteilte: ich war der Mann, der das jüdische Volk ans der Knechtschaft erlöst und es wieder in sein eigenes Land führt. — noch mehr, ich war es. der die Welt erlöst, alles Unrecht wieder gutmacht und das Böse für immer und ewig vernichtet. Aber nicht lange konnte ich mich meines Glückes freuen. Denn bald kam es auf, daß ich, statt den Talmud zu studieren, unter dem Tisch heimlich „gojische" Bücher las und daß meine eifrigen Schaukelbewegungen diesen verbotenen Schriften, nicht den Kommentaren des Talmud galten. Es läßt sich denken, welchen Aufruhr diese Entdeckung

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