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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 520

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 520 (sequence 10)
Language
German
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520 MENORAH tigere Dinge gebe, von denen ich elwas wissen wollte. Überdies mißfiel mir Heines ironischer Ton. Von Bibel und Talmud her war ich gewohnl. jedes gedruckte Wort als wahr, heilig und wegweisend anzusehen, und konnte die leichte scherzhafte Art nicht begreifen, mit der dieser Dichter über alles sprach. Auch später hat mich sonderbarerweise Heine stets kalt gelassen. Das Verneinende und der Zynismus sind nur dem abfallenden Judentum eigen, für das schöpferische Judentum ist Bejahung ebenso charakteristisch wie für das schöpferische Ariertum. Am vollen Genuß der Heine'schen Dichtungen hinderte mich auch die fragmentarische Art seines Schaffens, die wohl sein Fluch war. Viel später erst lernte ich Heines glänzende Prosa würdigen. Dagegen machte Goethe auf mich schon damals einen gewaltigen Eindruck. Seine Lyrik schenkle mir Licht und Freude. Auch Schiller nahm mich gefangen, obwohl es mir schwerer fiel, in ihn einzudringen. Dennoch beeinflußte mich diese Lektüre merkwürdigerweise nicht, selbst Gedichte zu schreiben, und ich raul) rühmend hervorheben, daß ich auf dem Gebiete der Lyrik nie gesündigt habe. Diese Form war mir nämlich fremd und unbegreiflich. Mein Verhältnis zum gedruckten Wort war gemäß meiner religiösen Erziehung von einer geradezu religiösen Pietät durchdrungen und ich konnte nicht begreifen, warum man unbedingt in gereimten Versen sprechen mußte. Wer kann sich die Bibel in Reimen geschrieben vorstellen? . . . Dagegen übten die Dramen der deutschen Klassiker, die ich nach den Gedichten las, sehr tiefe, ernste Wirkung auf mich. Sie begannen mir den religiösen Inhalt zu geben, den ich in der neuen ,,Thora" suchte. Die stärksten Eindrücke empfing ich vom ersten Teil des Goethe'schen „Faust". Obwohl ich vieles nicht verstand, ergriff mich doch der Inhalt vieler Partien, besonders Gretchens Schicksal, tief menschlich. In den Zeilen der Dichtung spürte ich den religiösen Ernst, der das Werk durchweht. Bis heute gehört dieses Buch zu meiner ,,heiligen" Lektüre und in ernsten Augenblicken greife ich dazu ebenso wie zur Bibel. Das hat seinen Grund wohl darin, weil der Ernst dieses Werkes mir gewalligen Respekt einflößt. Bis zum heutigen Tage kann ich kein Verhältnis zu einem Werk finden, das — mag es noch so genial sein — der Welt und den Menschen nicht mit religiösem Ernst gegenübersteht . . . Auch Schillers „Räuber" und „Jungfrau von Orleans" machten starken Eindruck auf mich, dagegen ließ mich Lessings ,,Nathan der Weise" merkwürdig kühl. Ich hatte die Empfindung, daß ein solcher Jude nie existiert hatte, und die Phantasiegestalt des Dichters ergriff mich nicht. Dagegen zog mich Kleist, obwohl ich ihn nicht ganz verstand, durch

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