Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 519 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 519 verbrachte ich im Gebet und flehte zu Gott, er möge mir doch helfen, meine Zweifel zu überwinden, daß ich nicht auf unrechte Wege gerate. Aus dieser Zeit stammen meine ersten literarischen Versuche. Ich bemühte mich, meine Stimmung in Gedichten zum Ausdruck zu bringen, die ich nach dem Rhythmus und Versmaß der Psalmen in fehlerhaftem Hebräisch, vermischt mit chaldäischen Worten aus dem Talmud, auf den Vorsatzblättern der Talmudexempiare im Lehrhaus niederschrieb. Als ich später einmal in meiner Heimatstadt weilte, suchte ich im Beth- Hamidrasch die alten Talmudexempiare hervor und wollte von den „Psalmen" meiner Jugend Abschriften machen. Doch über meine Dichtungen waren bereits andere geschrieben, von der Jugend verfaßt, die nach mir das Beth-Hamidrasch besuchte . . . Den Psalmen der Bibel habe ich es übrigens zu verdanken, daß ich es dazu brachte, die deutschen Klassiker in Original zu lesen: Unter den wenigen Büchern, die sich im Glasschrank unserer guten Stube befanden, entdeckte ich eines Tages eine Ausgabe der Psalmen im hebräischen Original samt der deutschen Übersetzung von Moses Mendelssohn (der deutsche Text war in hebräischen Lettern gedruckt). Wie hatte sich nur dieses verbotene „trefene" Buch zu uns verirrt? In dem Städtchen Lentschytza hatte ein Onkel mütterlicherseits gelebt, der in die „Netze"' der Aufklärung geraten war (überhaupt war die Familie meiner Mutter stolz auf ihre Bildung und spielte gern ihre „Geistesaristokratie" gegen die Sippe meines Vaters aus). Von diesem verstorbenen Onkel stammle das Buch. Mir war es. als hätte er mir eine Botschaft aus dem Jenseits gesandt. Da ich den Inhalt des hebräischen Textes genau kannte, fiel es mir leicht, die deutsche Übersetzung zu verstehen. Und ich verbrachte viele Stunden damit, das ..Deutsch" auswendig zu lernen. Und der Zufall wollte es, daß ich gerade zu dieser Zeit mit meinem Studienkollegen Awrejml Freundschaft schloß. Sein Vater, der zu den reichsten Leuten der Stadt zählte, war ein heimlicher Anhänger der Aufklärung, ein sogenannter Maskil. In seiner Wohnung gab es eine ganze Bibliothek deutscher Klassiker in einer billigen Ausgabe. Durch Vermittlung meines Freunden Awrejml bekam ich die schmalen, blau gebundenen Bücher in Taschenformat geliehen. Wie ein Dürstender stürzte ich mich auf sie. Der Vater meines Freundes, wie jeder „aufgeklärte'; Jude ein großer Heineverehrer, gab mir als erste Lektüre das „Buch der Lieder". Ich muß bekennen, daß es auf mich keinen großen Eindruck machte. Liebesschmerz hatte ich damals noch nicht kennen gelernt und mir schien es, daß es außer der Liebe noch andere, wich-