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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 518

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 518 (sequence 8)
Language
German
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518 MENORAH sich dagegen auflehnten, so sehr alles in mir sich nach Feld, Wald und Bach, nach der Gotteswelt, die draußen lag, sehnte . . . Und sehr früh begannen ketzerische Gedanken in meinem Kopf zu rumoren; der quälendste war: „Warum hat Gott die Menschen in Juden und Christen geteilt?" Zu dieser Zeit wußte ich bereits, daß nicht die Christen, sondern die Juden der Sündenbock der ganzen Welt seien: denn auf Schritt und Tritt bekam ich die Feindschaft der christlichen Knaben zu spüren, mochte es nun beim Baden im Fluß oder bei Spaziergängen außerhalb der Stadt sein. Außerdem flößte uns der Gründonnerstag von frühester Kindheit an eine rätselhafte Angst ein. Wenn die Prozession durch die Straßen zog, versteckte uns die Mutter im Zimmer unter einer Bank, damit wir ja nicht wagten, zum Fenster hinauszuschauen. Ich war fest überzeugt, daß die Christen durch ihre Herrschaft im Diesseits des Jenseits verlustig gegangen waren und daß sie drüben nichts anderes zu erwarten haben als die Hölle. Und nun fragte ich mich: ,,Warum hat Gott sie so unglücklich gemacht, sie als Christen zu erschaffen? Ich hätte doch, Gott bewahre, auch als Christ geboren werden können — und ich Ärmster hätte gar keine Schuld daran gehabt!" Das Talmudstudium wurde mir immer mehr langweilig und lästig. Vor den Fenstern des Lehrhauses lag die Welt voll von Geheimnissen. Ich wollte sie kennen lernen und konnte es nicht. Vor allem beherrschle ich keine Sprache, in der ich etwas über die Welt wenigstens aus Büchern hätte erfahren können. Selbst das .,christliche" Alphabet war mir lange unbekannt und galt überdies als trete". Die Sprache und die Bücher, die mir zugänglich waren, erzählten von toten Dingen, die in fremden Ländern, in fremdem Leben sich zugetragen hatten und keine Beziehungen zum gegenwärtigen Leben besaßen. Was ich zu wissen begehrte, konnte mir keines dieser Bücher geben. O, wie beneidete ich damals die gleichaltrigen Knaben, welche die einzige Schule der Stadt (ein privates Institut, das ein deutscher Pastor führte) besuchen durften! Diese Schule besuchte auch ich — bloß durch einen Zufall, dessen Schilderung jedoch zuviel Raum einnehmen würde — drei Tage lang. Das waren die einzigen drei Tage meines Lebens, die ich in einer richtigen Schule verbrachte; in diesen drei Tagen erlernte ich das polnische und das deutsche Alphabet. Die Zeit vom siebenten bis zum sechzehnten Jahr, für jeden anderen Knaben die glücklichste, war für mich die schwerste und düsterste. Das einzige, was mich damals aufrechthielt, war meine Frömmigkeit. In langen, heißen Gebeten goß ich vor Gott mein Herz aus. Stundenlang

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