Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 517 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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SCHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 517 liegen mochte. Ich hatte die Vorstellung, es liege jenseits der Grenze unseres „Daseins". Der sehnlichste Wunsch meines Vaters war, einen Rabbiner zum Sohn zu haben. Mit meinen älteren Brüdern gelang ihm dies nicht. Die Söhne, die er von seiner ersten Frau hatte, waren zwar Chassidim, doch weiter hatten sie es nicht gebracht. An den Söhnen, die nieine Mutter ihm geboren, halte er nicht viel Freude: Der Älteste meiner Mutter pllegte Umgang mit Christen, war ein Liebhaber von Pferden und richtete gar auf dem Dachboden einen Taubenschlag ein, was als der ärgste Übermut galt. Auch die anderen zeigten wenig Neigung zum Studium der religiösen Lehren. So fiel denn das Los auf mich. Als Knabe war ich sehr fromm und gläubig, betete viel und inbrünstig, hielt alle Gebote und Vorschriften sorgsam ein und halte den Wunsch zu lernen. Daher wurden die besten Lehrer au (genommen, die mit mir den Talmud studierten. Die Sommertage verbrachte ich bis spät am Abend bei den Büchern, im Winter wurde ich schon um fünf, spätestens um sechs Uhr geweckt und in den Glieder geschickt. Ich kann nicht behaupten, daß der Talmud mich sehr begeistert hätte. Sein scholastischer Disput (das ist die im Talmud vorherrschende Methode, die ,,Pilpul" genannt wird) erschien mir langweilig und nutzlos. Weit mehr zog mich die rezitativische Melodie, der „Nigun" an, die beim Lernen verwendet wurde. Von frühester Kindheit an entflammte jedoch die Bibel meine Phantasie. Das Land Haran und das Land Kanaan sah ich geradezu leibhaftig vor mir. Das Flüßchen, das an unserem Haus vorüberiließt, nannte ich den Jordan, und die waldige Erhebung neben dem Gutshof am Ende der Stadt war für mich der Berg Karmcl. Die biblischen Erzväter standen mir so nahe, daß es mir schien, ich kenne Jakob und seine zwölf Söhne persönlich. Und den König David meinte ich in unserem Tempel sitzen zu sehen und hörte ihn geradezu, zusammen mit den Männern, die im Tempel waren, seine Psalmen beten. Leider aber gönnte man mir nicht viel Zeit für das Lesen der Bibel. Auch die Beschäftigung mit der Aggadah, jenem Teil des jüdischen Schrifttums, der das Gesetz durch Parabeln und Erzählungen erklärt, war mir nur selten gestattet. Denn das wurde nicht als Studium, sondern als Zeitvertreib angesehen. Studium war bloß der trockene Talmud, der mir — ich muß es gestehen — fremd blieb und mich nicht interessierte. Meine Gottesfurcht aber verwehrte es mir, daran zu zweifeln, daß der Weg, den meine Eltern mir vorgeschrieben hatten, richtig sei, so sehr auch meine Jugend und meine Liebe zum Leben