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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 516 (sequence 6)
Language
German
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516 MENORAH Fußboden und verständigte dadurch die „Struschka", die Portiersfrau. Ich war der Meinung, alle Christen seien ärmer und auf niedrigerer Stufe als die Juden, da sie eben nicht an den Gott der Juden glaubten. Daher hatte ich großes Mitleid mit ihnen und konnte absolut nicht begreifen, warum Gott eigentlich außer den Juden noch andere Menschen erschaffen hatte, die sich auf Erden so plagen mußten. Am meisten taten mir die Christen deshalb leid, weil Gott ihnen keinen „Sabbat" gegeben hatte. Der Sabbat war der erste starke Eindruck meines Lebens. In der Art, wie er — beim Lichtschein der Kerzen in den blinkenden Silberleuchtern — in unserem Hause gefeiert wurde, erschien mir der Sabbat nicht als ein Tag des irdischen Lebens, sondern als einer jener Tage, die uns im Jenseits bevorstehen. Und wenn ich nun den christlichen ,,Strusen" den Hof fegen sah, während wir an dem blendendweiß gedeckten Tisch saßen, da brach ich häufig in Tränen aus, weil Gott so unglückliche Menschen erschaffen hatte, wie es die ,,Gojim" sind. Aber auf meine Frage, warum es „Juden" und „Gojim" gebe, gab mir die vielbeschäftigte Mutter die Antwort: ,.HöV auf, mich zu quälen, ich habe an wichtigere Dinge zu denken!" Die ersten Eindrücke meines Lebens waren Felder und Schafe. Die Rinder und Schafe, die mein Vater in der Umgebung aufkaufte, ließ er auf den Viehmarkt in Lodz oder an die Grenze bringen, wo sie ihm ein deutscher Händler abnahm. Der Hof unseres Hauses war stets voll von Schafen, und ich liebte es, mich zwischen sie zu drängen und sie zu streicheln. Doch das Bewußtsein, daß sie zur Schlachtbank geführt wurden, rief ein schmerzliches Gefühl in mir hervor und trübte meine Freude an den armen Geschöpfen, denen der Tod bevorstand. Ihr Blöcken klang in meinen Ohren wie ein Wehruf. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das Wort .,Amerika'*. Unser Städtchen lag hart an der preußischen Grenze und durch seine Straßen wälzte sich der Strom der jüdischen Emigration nach Amerika, die nach den Pogromen der 1880er Jahre in Rußland einsetzte. Die Auswanderer mußten sich über die deutsche Grenze schmuggeln und noch heute sehe ich sie vor mir, wie sie in den Höfen der Fuhrleute in unserer Nachbarschaft lagerten, die ihnen als Versteck dienten; auf den Gepäckstücken waren die kleinen Teekannen aus Blech befestigt. Ich hatte immer ein Vorgefühl, daß auch wir einmal an die Reihe kommen würden. Und tatsächlich trat ein Zweig unserer Familie schon frühzeitig die Reise nach Amerika an. Auch in unserem Hause wurde das Wort oft genannt und ich versuchte, mir in meiner kindlichen Phantasie auszumalen, wo dieses „Amerika" eigentlich

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