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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 515

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 515 (sequence 5)
Language
German
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SCIIALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN 515 Ich wurde — als das zehnte Kind meines Vaters und das fünfte meiner Mutter — zu Kutno in Polen geboren. Es war im Jahre 1880, am — doch darüber bestehen widersprechende Meinungen zwischen meiner Mutter und meiner Frau. Meine Mutter brachte — unberufen, sagen die Juden — so viel Kinder zur Welt, daß es ihr wirklich unmöglich war, sich den Geburtstag jedes einzelnen zu merken. Auf dem Deckel des alten Psalmenexemplars, auf dem mein Vater das Geburtsdatum jedes Kindes verzeichnete, wurde durch einen Zufall meine Eintragung vergessen — in der Familie sah man dies als böses Omen an. In den Matrikelbüchern der Stadt ist das Geburtsdatum der Kinder -— aus „strategischen" Gründen — unrichtig angegeben. So mußte ich denn zweiundzwanzig Jahre lang ohne Geburtstag herumlaufen — es hat mir nicht geschadet. Erst nach der Hochzeit beschenkte mich meine Frau mit einem „Geburtstag". Sie wählte den 1. November, wahrscheinlich weil dieses Datum nahe dem Jahresende liegt. Und dabei blieb es . . . Im ganzen sind wir zehn Brüder und fünf Schwestern. Drei von uns leben nicht mehr. Mein ältester Bruder ist heute über siebzig Jahre alt und ein gottesfürchtiger Mann; er war Kaufmann, später Arbeiter. Mein jüngster Bruder ist Invalide aus dem Weltkrieg. Beide leben in Amerika. Als Kind genoß ich leider nicht viel an väterlicher Führung und wurde auch nicht allzusehr durch mütterliche Zärtlichkeit verwöhnt. Meine Eltern hatten einfach keine Zeit dazu. Der Vater war die ganze Woche unterwegs, da er in den Städtchen und Dörfern der Umgebung Rinder und Schafe aufkaufte, mit denen er Handel trieb. Der einzige Tag, den er mit seiner Familie verbrachte, war der Sabbat — daher ist denn auch dieser Tag der einzige Lichtstrahl im Dunkel meiner Kindheit. Die Mutter war mit der Führung des großen Hauswesens, mit dem Kindererwarten und Kinderbekommen vollauf beschäftigt. Sie liebte uns gewissermaßen en gros — individuelle Zärtlichkeit konnte sie sich einfach nicht gestatten, denn dafür hatte sie keine Zeit. So wurde ich, wie die übrigen Kinder, der Aufsicht des Lehrers im Glieder und der Straße überantwortet.. . Die Gasse, in der ich das Licht der Welt erblickte, zählte nur wenige Christen. Und diese wenigen waren noch viel ärmer als die Juden, bei denen sie bedienstet waren. Der Portier unseres Hauses, in Polen „Strusen" genannt, war solch ein armer Christ; er bewohnte mit seiner zahlreichen Familie einen Kellerraum unterhalb unserer Zimmer. Wenn es regnete, floß das Wasser von der Straße in den Keller. War bei uns im Hause etwas zu besorgen, so klopfte man mit einem Stock auf den

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