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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 514

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 514 (sequence 4)
Language
German
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514 MENORAH stark und deutlich wie an den Ufern des Rheins. Als ich meine erste Fußwanderung von Mainz nach Worms machte und die alten jüdischen Grabsteine in den Häusern an der Straße eingemauert sah, erschien mir die Landschaft so bekannt, als wäre ich bereits einmal dort gewesen. Und in der Raschi-Synagoge in Worms hatte ich das Gefühl, hier müsse ich schon einmal gebetet haben. . . Mein Vater war der Typus eines solchen einfachen aschkenasischen Juden. Er besaß die Klarheit eines Raschi, des berühmten Bibelkommentators, lebte in den ethischen Anschauungen eines Rabbi Gerschon und war jederzeit bereit, für seinen ehrlichen Glauben ebenso in den Tod zu gehen wie es jeder aschkenasische Jude in der Zeit der Kreuzzüge getan. In der Gegend, wo meine Geburtsstadt liegt, gehen noch heute Legenden über meines Vaters Menschenliebe und Wohltätigkeit um. Er teilte im wahren Sinne des Wortes den letzten Bissen Brot mit seinem Nachbarn. Dabei kannte er keinen Unterschied zwischen Jude und Christ. Durch sein Verhalten zu unseren armen christlichen Nachbarn, die alle bei ihm Arbeit bekamen, war für mich von frühester Jugend an jede Trennungslinie aufgehoben, die in menschlicher Beziehung Juden und Christen scheidet. Als mein Vater im Alter unter der Last der Sorge für seine zahlreiche Familie zusammenbrach und verarmte, nahm er dies mit Gleichmut hin und wäre mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er Almosen verteilt hatte, bereit gewesen, Almosen anzunehmen, wenn es etwa so weit gekommen wäre. Ohne einen Seufzer, ohne um das Morgen zu sorgen, verkaufte er das Haus, das er erbaut hatte, samt der ganzen Einrichtung; und ebenso wie ein Kind der Hilfe seiner Eltern gewiß ist, war er der festen Überzeugung, in der Stunde der höchsten Not. wenn das Wasser bis zum Hals gestiegen sei, werde Gott die Hilfe senden; und wenn Gottes Hilfe nicht komme, werde es die der Menschen sein. Er schämte sich dessen nicht, denn er glaubte fest daran, daß alles, was der Mensch besitzt, Gottes Eigentum sei — und ebenso wie es keine Schande sei, Gottes Güter zu verteilen, so sei es keine Schande, Gottes Güter zu empfangen. Verzeih, lieber Leser, daß ich so lange bei meinem Vater verweilte, — aber ich bin der Ansicht, daß ich alles, was an Allgemeinmenschlichem sowohl wie an Jüdischem in mir wertvoll ist, meinem Vater zu verdanken habe. Ich verneige mich tief vor seinem Schatten. Sein Andenken sei gesegnet! Ich habe versucht, ihn in meinen patriarchalischen Erzählungen ..Das Städtchen" und „Schlojme Nogid" zu schildern — es ist mir nicht gelungen.

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