Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1930)
- Article
- Schalom Asch erzählt sein Leben
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 513 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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SCHALOM ASCH ERZÄHLT SEIN LEBEN Chassidismus ist hier gemeint, sondern der einfache Mann, der mit der Bibel und ihrem Raschi-Kommentar. mit den Psalmen und dem Midrasch lebt; er ist ein viel stärkerer moralischer Faktor im jüdischen Leben als der Chassidismus. Nicht puritanischer Rationalismus, sondern der wahre Geist der 15ibei herrscht in den hohen ethischen — ich möchte last sagen ,,europäischen" Begriffen der ersten Aschkenasim, und sie wirken bis heute im täglichen Leben des gewöhnlichen, einlachen Juden fort. Ganz ebenso wie der mystische Chassidismus hat das sephardische Juden tum die Well begeistert. Der Typus der Sephardim, die einst in Spanien und den Mittclmeerländem lebten, wird in aller Welt höher geschätzt als der der Aschkenasim. Die Reinheit der Rasse und der Geist mittelalterlichen Rittertums, den die Sepliardim bewahrt haben, gibt den Dichtern Anlaß zu herrlichen Hymnen auf sie. Ich glaube, daß hier ein Irrtum vorliegt: das echte, unverfälschte biblische Judentum, wie es uns in der Demut des Erzvaters Jakob, in der menschlichen Schwachheit der Gebete entgegentritt, lebt viel stärker in den Aschkenasim als in den Sephardim. Das Judentum ist kein mittelalterliches Rittertum. —- in seinem Wesen liegt es, den Rücken vor Gott zu beugen und ehrlich das Joch des Lebens zu tragen. Juden tum ist demütig-menschliche Gottesfurcht und innere Frömmigkeit, nicht ritterliche Geste mit dem Schwert. Den ersten Aschkenasim haben wir die tiefe menschliche Moral zu verdanken und die starken ethischen Begriffe, die in dem Durchschnittsjuden leben. Die „Weisen vom Rhein" üben bis heute den stärksten Einfluß auf die Juden in den entlegensten Winkeln der Erde, — denn mit ihrer Ethik leben sie. Das Wesen des Judentums ist undenkbar ohne einen Rabbi Gerschon, einen Raschi, einen Jehuda Hachassid; sie haben das Judentum mit europäisch-ethischen Begriffen bereichert. Und noch eines: Die aschkenasischen Juden haben keine Marannen, keine Scheinchristen hervorgebracht. Mit geradezu grausamer Standhaftigkeit gaben sie in der Zeit der Kreuzzüge einander selbst den Tod, um auch nicht zum Schein ihren Glauben zu verlassen, wie es so häufig sogar bei den größten und bedeutendsten sephardischen Juden der Fall war. Am Rhein haben wir die Quellen des heutigen europäischen Judentums zu suchen. Da ich der Sohn eines alten Volkes bin, erscheint mir oft ein Land oder eine alte Stadt, die ich zum ersten Male betrete, merkwürdig bekannt, als würde längst vergangenes Erleben, das in meinem, alten Blut eingeschlossen ist, durch den Anblick der Landschaft mir wieder in Erinnerung gebracht. Und in keinem Land war diese Empfindung so