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Menorah · 1930-11-01 · Heft 11-12 (November 1930) · p. Seite 512

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 11-12 (November 1930)
Article
Schalom Asch erzählt sein Leben
Date
1930-11-01
Page
Seite 512 (sequence 2)
Language
German
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512 MENORA II der anderen Seite aber stößt es an das reiche, goldprangende ..Fürstentum Lowitsch", wo die Bauern kostbare bunte Tracht tragen, Chopins Heimat, in der auch mein ehrlicher Vater geboren wurde. Von der Mutter habe ich, wie so mancher Schriftsteller vor mir, das dichterische Empfinden geerbt, das ihr die Landschalt ihrer Heimat gab. Liebe zur Natur und — eine förmliche Leidenschaft für Wasser und Äpfel. Noch heute sagt mir die Achtzigjährige, wenn ich nach Kutno komme, um sie in der bescheidenen Wohnung zu besuchen, die sie nicht verlassen will, weil mein Vater darin gestorben ist: „Ich wußte, daß du kommen wirst, denn heute am frühen Morgen ist ein Vöglein in mein Fenster geflogen und hat mir die Nachricht gebracht." Und bei jedem meiner Besuche ist stets, wie einst in der Kindheit, ein Bek ken mit Regenwasser für mich vorbereitet, und nach dem Bad gibt es zwei rote Winteräpfel. Daher meine Leidenschaft für Wasser und Äpfel . . . Von meinem Vater habe ich keine außerordentliche Begabung geerbt, denn er besaß keine. Und doch habe ich ihm alles zu verdanken. Ich bin fest überzeugt, — das ehrliche Blut, das in meinen Adern rinnt, hat mich vor allen Wirrungen gerettet, die so zahlreich auf meinem Wege lagen, hat mich nicht in die Abgründe stürzen lassen, die im Innern jedes Menschen gähnen, hat mich aus der Tiefe emporge hoben, in die ich gesunken war, und mich zu dem gemacht, was ich bin. Mein Vater zeichnete sich nicht durch besonders große Frömmigkeit aus und war kein in Mystik versponnener Chnsside, sondern ein einfacher, primitiver Durchschnittsjude, der einen schweren Kampf um die Erhaltung seiner zahlreichen Familie führte. Bis in sein hohes Greisenalter trug er als heilige Pflicht das Joch des Lebens und war mit allen seinen Kräften bemüht, ein reines Gewissen vor Gott und den Menschen zu haben. — ein reineres vor den Menschen als vor Gott. Seine einfache Art, sein unerschütterlicher Glaube an die göttliche Vorsehung, seine wahrhaft menschliche Bescheidenheit erinnerten an die Patriarchen, mehr noch an die ältesten Aschkenasim, die Juden, die schon vor weit mehr als tausend Jahren an den Ufern des Rheins wohnten. In der jüdischen Literatur und dadurch auch in der Weltliteratur wird die Rolle des Chassidismus im jüdischen Leben stark überschätzt; vollständig unbeachtet bleibt dagegen das zutiefst moralische und fromme Leben des nichtchassidischen Juden, des Misnagid. der nicht an den Wunderrabbi glaubt, sondern an Gott, auf den er all seine Hoffnung setzt. Nicht der Misnagid als Kämpfer gegen den

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