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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 494

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Juden in der polnischen Literatur
Date
1930-09-01
Page
Seite 494 (sequence 4)
Language
German
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494 MENORAH Mensch, der das Schicksal des Vcrstoßenseins bitler genug erfahren muß: von beiden Seilen, von zwei Welten ist er abgeschnitten; von der jüdischen entfernte er sich selbst (richtiger: wurde er unbewußt, fast gewaltsam entfernt), die polnische lehnt ihn ab: „Wenn man mich in der Sprache, die ich singe, schmäht, O wie traurig ist mir dann zu Mut, mein Gott! klagt er im Stil Slowackis. Aber trotz seiner wechselnden Stimmungen und seiner hysterischen Labilität ist er sich und seinen \vrwegensten Gedanken immer treu geblieben. Mit der ganzen Fnerbitllichkeit des Ausdrucks, der ihm zu Gebole steht, streitet er gegen die Verfallserscheinungen der polnischen Gesellschaft und des polnischen Geisteslebens. Als die Nachricht von den ..neuen Menschen auf aller Erde" die Well aufhorchen machte und zum Staunen zu bringen begann, trat auch Slonimski hervor und besang mit andächtigem Enthusiasmus die junge keusche Energie der Ghaluzim und pries ihren Aufopferungsmut, ihre Widerstandskraft und ihren eisernen Willen. Ohne Rücksicht auf seine neuen Volksgenossen, ohne Angst, daß sie über seinen Judenfleck, über die Gefühlsbeziehungen zum alten Stamme spotten könnten. Wahrlich: wer sich die Mühe nimmt, Slonimski gründlich kennenzulernen, verzeiht ihm gerne seine Zornesaniiille und seine Neurasthenie. Stefan N a p i e r s k i ist vor allem Gedankendiehter. Ein Lyrikbuch, das von der Kritik sehr günstig aufgenommen wurde, verschaffte ihm einen guten Eintritt in der polnischen Literatur. Ihm ist mehr um das Philosophische als um das Ästhetische zu tun. Der Schwung fehlt seinen Versen und die natürliche Anmut. Die strenge Form ist nicht eben seine Sache. Es ist nicht lange bor, daß Napierski eine Aphorismensammlung herausgab. die den merkwürdigen Titel ,.Schatten auf den Winden" trägt. So paradox auch der Titel des Buches klingt, die Aphorismen selbst sincl noch paradoxer. Ged'anken, die erhaben tun, aber im Grunde banal sind und ohne wesentlichen Inhalt. Napierski ist skandinavischen Einflüssen unterworfen und steht unter dem Bann Wall Whitmans, den er a^s seinen geistigen Patron ansieht. In seinen besseren Gedichten ist Whitman auch deutlich zu spüren. Wie die meisten jüdisch-polnischen Lyriker ist auch Napierski Publizist und Kritiker. Auch Anatol Stern begann mit Lyrik, und zwar zeichneten sich seine Gedichte durch verblüffende Eigenart aus. Die polnische Kritik solzle große Hoffnungen auf ihn; doch vertauschte Stern bald seine literarische Tätigkeit mit der Arbeit für den Film, dem er sich mit Leib und Seele verschrieb. Freilich blieb er auch hier ein Dichter: dank seiner rastlosen Mühe um! seinem Talent hat sich die Kinokultur Polens binnen ganz, kurzer Zeit mächtig entwickelt und der polnische Film steht nun auf gleicher Höhe mit der Produklion der übrigen europäischen Staaten. Neuerdings ist Stern übrigens wieder zur Literatur zurückgekehrt, ohne darum sein Wirken fürs Kino gänzlich aufzugeben. Er brachte als erster den Film als Motiv in die Dichtung. Seine letzten Werke sind äußerst behend und lebendig. Die Leitlinien seines Schaffens bilden gesellschaftliche Gerechtigkeit und religiöses Gefühl. Sind schon die bereits erwähnten Autoren nicht unabhängig von der russischen Literatur, ist das besonders bei Miecy/slaw Braun auffällig, der sehr stark von der modernen russischen Lyrik. hauptsächlich von Alexander Block und dessen Kreis, beeinflußt wurde. Braun arbeilet mit einem großen Müheaufwand (..Sitzfleisch" nennt das Heine) und sein Werk hat nichts von jener charakteristischen Leichtigkeit der Begnadeten, die nur auf die Eingebungen der Muse zu warten haben. Braun meißelt lange an seinen Versen. Daher auch sein großes formales und essentielles Verantwortungsgefühl. Seine Gedichte sind aber auch wie

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