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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 493

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Juden in der polnischen Literatur
Date
1930-09-01
Page
Seite 493 (sequence 3)
Language
German
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JUDEN IN DER POLNISCHEN LITER AT UH 493 lieber Menschenliebe durchdrungen, die auf den Einfluß Tolstois unu, des idealen Christentums hinzuweisen scheint. Dem heiligen Franziskus von Assisi isl eine sinnliche Zahl seiner Lieder geweiht. Seit Jahren arbeitet er schon an einem Buche üher diesen heiligen Meister. Für seine Thema lik gebraucht er nicht nur die Gedichtform, sondern er schreibt auch vor Irelt liehe prosaische Essays, die jedoch von Palhos und von Gel ühlsausbrüchen durchsetzt sind, genau so wie seine Gedichte. Öfters hält er auch begeisterte Referate über den neuen Lebensgehalt und ' die Zukun flsreligion der Menschenliebe. Der Kern dieser Ideen findet sich klar und schlicht erläutert in einer Sammlung von Aufsätzen: „Krieg und Frieden im Geiste des Dichters" in folgenden Worten: ..Wir wissen nicht, ob sie (die Zuku n f Isreligion i eine proletarische, eine internationale sein wird, oder ob sie aus andern Quellen kommen wird, aber das eine wissen wir genau: ihr Fundament muh" die große Liebe sein, die vom Menschen zum Menschen streunt . . ." Diese grenzenlose Menschenliebe ist es, die Williin zwingt, überall hinzureisen, um seine über die ganze Welt verstreuten Brüder kennenzulernen. Fnlängst besuchte er Indien und halle dort eine Begegnung mit Mahatma Gandhi, den er für den Nachfolger und geistigen Erben des heiligen Franziskus hält. Neben seinen eigenen Werken sind noch seine außerordentlichen Übersetzungen hervorzuheben. Die Übertragung der „Odyssee" ins Polnische gehört wie die übrigen Nachdichtungen aus dem Homer, die er geschaffen hat, zu den Schätzen der polnischen Literatur. Auch die Kritik hält die Witllinschen Übersetzungen für die besten, die Polen in der letzten Zeit geschenkt wurden. llieher gehört auch Antony S loui ms k i, der Enkel des hebräischen Schriftstellers und Gelehrten Chaim Selig Slonimski. Nicht elwn deshalb, weil er vielfach als Jude oder als getaufter Jude gilt; er ist weder dies noch jenes. Antony wurde geboren, nachdem sein Vater Dr. Stanislaus Slonimski samt seiner ganzen Familie zum Katholizismus übergetreten war. Aber nach dem Gehalt seines Uterarischen Schaffens ist er mehr Jude uls diejenigen, deren Judentum wir gar nicht zu bezweifeln brauchen. Er gehört unbedingt in die Gruppe, deren Charakteristik eben begonnen wurde. Das Blut der jüdischen Rasse, das in SlonimsUis Adern Hießt, fordert seinen Ausdruck und tritt unverkennbar in seiner Diehiung Zulage. Wie Wiltlin sieht er auch seine Mission im Kampfe für den Pazifismus. Aber Mittel und Weg sind anders. Während Wiltlin von weiser lluhe beherrscht wird und seine Verse still und strömend sind, kommt das Temperament Slonimskis zu explosiven Ausbrüchen. Er erinnert häufig an I leinrieh 1 leine und manchmal auch an unseren I ii Zwi Grünberg. Sein dichterisches Werk und seine Zeitungsartikel bekämpfen den Krieg mit Elan und Schärfe und verdammen die Urheber des Massenmords auf ewig zum historischen Fegefeuer, So erscholl in ..Babylons Turm", in „Auge um Auge," und in anderen Werken der mächtige Mahnruf zum Widersland gegen den Eigennutz der Diplomaten und der andern Nutznießer, zu deren Gunsten Kriege geführt werden, welche die zum ..Turmbau" vereinigte Menschheil bei der Arbeit stören und den Bau vernichten, der sonst längst schon zu Ende gediehen wäre. Das Leitmotiv dieses Kampfes kam am deullichslen in seinem Poem ..Auge um Auge" zum Ausdruck: ...... es gibt nichts Traurigeres, keinen größeren Schmerz als den Tod eines Menschen durch die Hand eines andern . . ." Slonimski ist auch ein scharfsichtiger Kritiker und ein ausgezeichneter Publizist. Iiier wird seine jüdische Herkunft um besten sichtbar. Der jüdischen Neigung, der Ironie nachzugeben, ist auch Slonimski oft zum Opfer gefallen. End wie oft hat er gleich Heine seine Angriffe und Überfälle bitter bereut. Slonimski ist ein armer, einsamer

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