Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Juden in der polnischen Literatur
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 492 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2912821-2912900-2912906-2925727--09535-2925887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
492 MENORAH brechende, erneuernde Wirkung. Die populäre und' für die Moderne sehr wichtige Richtung der ,.Skamandcrislen" (die Benennung rührt vom Titel ihrer Zeitschrift „Skainander" her, ein Wort, das nach Wispiahski ..Weichsel" bedeutet), die bis auf den heuligen Tag führend ist, ist stark jüdisch durchsetzt. Der bedeutendste und bekannteste jüd'iseh-polnische Dichter (vor einigen Jahren wurde ihm der Literaturpreis der Stadt Lodz zuerkannt) ist sicherlich Julian T u \v i in. „Tch bin der erste Futurist in Polen!" Mit diesem Glaubensbekenntnis tritt er in die polnische Literatur ein, und man muß zugeben, daß diese äußerst selbstbewußte Losung berechtigt war. Und in der Tat, Tuwim war einer der ersten, der für die Unrast der Gegenwart, ihre verwirrenden Geräusche den treffenden Ausdruck gefunden hat. Er besang die Architektur der Großstadt und das triviale Leben unserer heutigen Menschen in einem herrlichen Polnisch. Er brach gänzlich mit der Tradition der polnischen Lyrik; seine vom nationalen Eeuer beschwingten Lieder geißelten die tragische Zersplitterung des polnischen Volkes, das aus einer Menge von Parteien besteht, die sich bis zur Vernichtung bekämpfen, sie preisen aber auch die Widerstandskraft Polens, den Stolz und Heldentum der polnischen Seele. Tuwims wuchtige Rhythmen fanden in den polnischen literarischen Kreisen vibrierenden Widerhall. Als Sohn einer Fabrikstadt — er ist in Lodz, dem polnischen Manchester, geboren — wo tausend Schlote Ruß auf die Elendsgassen regnen lassen, wo der Himmel schwarz und die Luft stinkend ist, kannte er schon von früh an die Melodie der Maschine. Und ihr, der Maschine und ihren Beherrschern und ihren Knechten zugleich, den Arbeitern, hat er seine Gedichte gewidmet. Wie die meisten Skamanderisten, und Tuwim ist einer der Führer dieser Richtung, ist er ein extremer Individualist. Seine Produktivität ist erstaunlich. Wegen dieser Fruchtbarkeit wird er auch das „moderne Vöglein" genannt; denn wie sich das Lied des Vogels unerschöpflich mit jedem Tage erneuert, so singt Tuwim seine niemals versiegenden Lieder. Mehr noch als seine Lyrik hat vielleicht seine a n e k doli sch -h u m o r is t i sehe P r o d u k l i o n z u seinem Ruhme beigetragen. Hier kommen auch seine jüdischen Charaklerzüge am meisten zur Geltung. In den humoristischen Anekdoten Tuwims mischen sich oft Satire, Sarkasmus und Witz derart mit der Handlung, daß man die einzelnen Elemente nicht mehr zu trennen vermag. Wenn in der großen Leserschaft der Erfolg Tuwims auf seinen Humoresken, beruht (hier offenbart sich zweifellos auch seine eigentliche schöpferische Kraft), gilt bei den Kennern und Feinschmeckern mehr seine sprachliche Meisterschaft. Tuwim ist ein Souverän der Mittel, der in den innersten Organismus der Sprache eindringt und aus dem Wort die geheimsten Schätze herausholen kann. Er ist stolz auf seinen hebräisch klingenden Namen; doch ist dies bloß ein äußerlicher Stolz, denn in seinem Werk ist jede Anspielung auf jüdische Probleme peinlich vermieden; sogar in den wenigen Gedieh len, die ein jüdisches Thema haben, kommt seine Gemeinschaft mit den jüdischen Brüdern über rein menschliches Mitleid nicht hinaus. Unbekannter als Tuwim ist der feinfühlige Dichter Josef W i t 11 i n, obwohl er tiefer angelegt ist. Willlin gehört zu den Stubenhockern; wie ein frommer Jude aus allen Zeiten ,,al Ilatora w'al Haawoda" sitzt er über seinen Problemen und hält, sich von den Jahrmärkten der Literatur fern. Fr ist weniger produktiv als Tuwim, aber was er schreibt ist meisterhaft. In der ersten Epoche seiner literarischen Tätigkeit galt seine Stimme dem ,.Krieg dem Kriege", eine Einstellung, die sein Freund Anton Slonimski teilte. In seinen Hymnen, die zu den besten Gedichtsammlungen der jungen polnischen Lyrik gehören, besingt er in inniger Schlichtheit das Schicksal der Schiffbrüchigen und Verlassenen, das Los der geistigen und leiblichen Invaliden. Seine Hymnen, wie sein ganzes Werk überhaupt, sind von unermeß-