Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Juden in der polnischen Literatur
- Date
- 1930-09-01
- Page
- 491 (sequence 1)
- Language
- German
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JUDEN IN DER POLNISCHEN LITERATUR An den mannigfachen Entwicklungsphasen der polnischen Literatur, die seit Kriegsbeginn in raschem Tempo aufeinander folgten, haben die Juden auffallend regen Anteil genommen. Und das bezieht sieh nicht nur auf Autoren, die bloß der Abstammung nach Juden waren, sondern auf solche, die auch seelisch ihre alten Bindungen nicht aufgegeben haben und wesentlich noch an ihrem Volke hangen. Daß Juden als Vermittler und Verleger in der polnischen Literatur tätig waren, ist eine alte Angelegenheit; neu ist ihre aktive Beteiligung am Aufbauwerk selbst. Und es kam so weit, duß es einem Teil dieser Juden gelang, bahnbrechend für neue Stoffe und Formen zu wirken, während ein anderer festen Fuß in der großen Masse der polnischen Schriftsteller faßte. Dies ist, wie gesagt, eine ganz neue Erscheinung: bis zu 'dien letzten Jahrzehnten gab es keinen einzigen Juden, der im polnischen Schrifttum eine Rolle spielte. Versuchte einer je eine Annäherung, so war er - wie z. B. Juda Klaczko — gezwungen, alle Brücken abzubrechen und sich gänzlich vom Judentum loszulösen. So ging es auch dem vortrefflichen Kritiker Wilhelm Feldman. Heute ist das anders geworden: die Zahl der jüdischen Schriftsteller, die polnisch schreiben, wird von Tag zu Tag größer, in einem Maße, daß aus nationalistischen Kreisen bereits auf diese Invasion hingewiesen wird; die Juden seien daran, wie schon den Handel und die Industrie, so auch die Literatur zu erobern. Die Ursache dieses Umschwunges, der sich in verhältnismäßig kurzer Zeit vollzog, ist leicht zu finden. Zweifolios ist keine plötzliche Vertraulichkeit zwischen der jüdischen und der polnischen Gesellschaft entstanden, aber die neue. Weltsfruktur, die neuen Lebensbedingungen, deren Erkenntnis den Juden leichter war, ermöglichte, daß eine bemerkenswerte Anzahl von jüdischen Schriftstellern die polnische Literatur befruchten konnte, ohne dadurch die Fäden, die sie mit ihrem Volke verbanden, zerreißen zu müssen. Zwei Faktoren sind es hauptsächlich — sie scheinen sich, wenn man. nicht tiefer sieht, zu widersprechen und einander auszuschließen — die diese Sachlage bewirkten: das Erwachen und Erstarken des jüdischen Nationalbewußtseins (infolge der Entwicklung des Zionismus und gar eist, nachdem es gelungen war, seine Ideale teilweise zu verwirklichen) und die erfolgreiche jüdische Arbeiterbewegung. Denn seitdem es keine Seltenheit mehr war, daß man bei jeder Gelegenheit sein Judentum mit Stolz betonte und der Name Jude kein Spot! mehr war, kein Schimpfwort in den eigenen Ohren, wurden auch der jüdisch-polnischen Dichter mehr. Den Hauptanteil aber an dieser Entwicklung hat der inzwischen mächtig gewordene Sozialismus. Um so mehr als in seinen Reihen die Jugend und die Intelligenz zu finden war. Da diese Bewegung international gerichtet ist und keinen Wert auf die Religion legt, bestand kein Bedürfnis mehr, religiöses Bekenntnis oder Nationalität zu wechseln. So mußten die polnisch schreibenden Juden die Beziehungen zu ihrem Volke nicht mehr gänzlich lösen, und der Weg zur Rückkehr stand ihnen noch immer offen. In der Tat sind mit der Zeit viele, die nur Juden geblieben waren, weil es nicht mehr nötig war. sich hinter Potent um und Katholizismus zu verstecken, zum nationalen Judentum zurückgekehrt und treue, opferwillige Juden geworden. Und auch in der sozialistischen Bewegung sympathisiert die grolle Masse, wenn auch nicht offiziell, so doch im Herzen mit der nalionaljüdischen Parole. Mit der Lyrik sei hier begonnen; denn die meisten jüdisch-polnischen Autoren schrieben Gedichte, und hier entfaltete sich am stärksten ihre Originalität und ihre bahn-