Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Eine Geschichtslüge
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 456 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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456 MENORAH bediente man sich auch der P u b 1 i z i s t i k in ihrer damals üblichen Form der Flugblätter. Wohl gab es auch schon vor Oppenheimers Sturz einige gehässige Pamphlete gegen den Finanzrat; aber die vielen Schmähschriften (mehr als 50), die in Wort und Bild von Milte 1737 bis Mitte 1738 erschienen, waren wohl zumeist bestellt, um die richtige „Stimmung" zu schallen. Dennoch gab es schon damals einige Publikationen, die, wenn auch vorsichtig, der Wahrheit die Ehre gaben; so heißt es in einem dieser Spottgedichte: „Was wüßt' der Jud von uns'ren Sachen? Ihr, ihr habt ihm die Pfeil' geschnitzt, Das Herz des Landes wundzumachen, Die hat er nachmahls zugespitzt . . ." Es ist bezeichnend, daß nach 1738 keine einzige Schmähschrift mehr erschienen ist (erst um 1740 kamen einige phantastisch erzählte und illustrierte Biographien Oppenheimers, die jedoch nichts Pamphletistisches an sich haben, sondern der Unterhaltlingsliteratur angehören, in französischer Sprache heraus). Die Machthaber saßen eben fest im Sattel und 20 Jahre später, unter dem Herzog Carl Eugen, kehrten alle Verbrechen, die dem Juden Süß angelastet worden waren, in verschärfter Form wieder und schufen eine Stimmung, für die man die Verantwortung nicht mehr auf einen fremden Juden ablenken konnte; diesmal schrie der Jammer und die Wut des Volkes laut die Namen seiner wahren Peiniger, deren fluchwürdiges Treiben durch das Justizverbrechen an Süß so lange gestützt worden war. Es ist wohl nicht unangebracht, auch einiges über den Juden Süß zu sagen. Joseph Süß Oppenheimer starb, indem er laut das jüdische Glaubensbekenntnis rief: „Sclvma Jisroll. adonaj elohenu. adonaj echod." Mit dem Mann, der seinen Ehrgeiz daransetzte, „hoffähig" zu sein, war in den Tagen seines Sturzes nicht nur äußerlich — in der Haft hatte er sieh einen Bart wachsen lassen und war körperlich arg verfallen —. sondern auch innerlich eine gewaltige Veränderung vor sich gegangen. Sein Judentum hat er freilich auch in den Tagen des Glanzes nie verlassen, und das noch bei seinen Lebzeiten umlaufende Gerücht, er sei heimlich zum Christentum, und zwar zum Katholizismus übergetreten, ist nicht zu belegen. Allerdings scheint er sich zur Zeit, als er eine Adelige aus England oder Portugal heiraten wollte, mit der Absicht getragen zu haben, den Glauben zu wechseln. Er selbst bezeichnete sich in einem geistreichen, aber doch ein wenig abfälligen Ausspruch als ,,Volontär aller Religionen", der zwar ein