Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Rabbi Usiel im Totengewand
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 421 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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RABBI USIEL IM TOTENGEWAND 421 „So ein verdammtes Nest", schrie er immer wieder. „Nicht einmal auf dem Markt versteht einen jemand. Die Schweine plappern alle polnisch oder jüdisch. Kein Wort kann man mit ihnen wechseln." Der Bursche, der schweigende Zeuge dieser Ausbrüche, bekam für seine lautlose Zustimmung manchen tüchtigen PufT. Es war ein seltsames Zwiegespräch. Rabbi Usiel trat leise ins Zimmer und fragte den Burschen nach dem Statthalter. „Ich bin es*', tönte es mit Donnerstimme vom Sofa, „tritt naher." Rabbi Usiel flößte die Gestalt des hohen Herrn Schrecken ein und seine Stimme zitterte leicht, als er sagte: „Ich bin zu Euch gekommen, Euer Gnaden, um Euch im Namen der jüdischen Gemeinde von Mohilew /um Antritt Eures neuen Amtes zu beglückwünschen." „Du bist doch ein Jude! Woher kannst du Russisch sprechen?" „In meiner Jugend habe ich in Poltawa und anderen russischen Städten oft die Messen besucht und dort die russische Sprache erlernt. Nun bin ich alt und habe viel vergessen." Der Statthalter befahl seinem Burschen, das Zimmer zu verlassen und die Türe hinter sich zu schließen. „Hast du eine Bitte an mich?" fragte er dann. Rabbi Usiel schlug das heilige Buch auf, nahm das Geld heraus und legte es auf den Tisch. „Es ist eine Gabe der jüdischen Gemeinde von Mohilew", sagte er. Nun kam ein furchtbarer Augenblick der Ungewißheit. Mit weit aufgerissenen Augen sah Rabbi Usiel den Statthalter an. Der hohe Beamte aber zählte ruhig die Geldscheine und steckte sie in seine Tasche. „Das ist aber nett", sagte er mit einem Grinsen, das seine Freude erkennen ließ, „ich danke dir und denen, die dich geschickt haben." Einige Augenblicke betrachtete er dann den sonderbaren, bleichen Mann vor ihm und fragte ihn: „Was trägst du für eine komische Tracht?" „Ich trage mein Totengewand", antwortete Rabbi Usiel. „Ich bin alt und schwach und muß zum Sterben bereit sein." „Was ist das für ein Buch, das du in der Hand hältst?" fragte der Statthalter weiter. „Das ist das zweite Buch Moses und auf dieser aufgeschlagenen Seite stehen die Zehn Gebote, die das jüdische Volk durch Moses auf dem Berge Sinai von Gott empfangen hat." Rabbi Usiel sah den Beamten an und glaubte, in seinen Augen etwas zu entdecken, das ihm Zweifel an einem glücklichen Ausgang des seltsamen Besuches aufsteigen ließ.