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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 420

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Rabbi Usiel im Totengewand
Date
1930-09-01
Page
Seite 420 (sequence 3)
Language
German
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420 MENORAH „Ich bin bereit, den Auftrag auf mich zu nehmen", sagte er schlicht und erzählte dann leise, daß er in seiner Jugend oft die Messen der russischen Städte besucht und dabei die russische Sprache erlernt habe. „Ich werde mit Freude für mein Volk sterben," fuhr er fort, „und ich tue es auch, ohne daß man für mich betet wie für einen Helden. Ich habe mein Leben hinter mir, stehe am Rande des Grabes und fühle den Engel des Todes schon hinter meinen Schultern. Wenn Ihr alle für mich betet und mich nicht vergeßt ein ganzes Jahr hindurch, dann wird das Scheiden für mich eine Freude sein, eine Erleichterung und kein Schrecken. Ich gehe hin. Alles andere liegt in Gottes Hand." Die Versammelten blickten mit ehrfurchtsvoller Verehrung auf die schlichte Gestalt des Greises am Altar. 1\ abbi Usiel hatte sich sein schweres Los gewählt. Er begab sich nun nach Hause und holte sein Totenkleid. Im kleinen Vorzimmer der Synagoge legte er es an, nachdem er sich gewaschen hatte, wie es das Ritual vorschreibt. Dann las er laut das Beichtgebet aus dem Buche Maabar Jabok5) Nachdem er das Gebet gesprochen, schlug er im Buche Exodus die Zehn Gebote auf und legte auf diese Seite die Geldscheine im Werte von 200 Rubel, die als erstes Geschenk für den russischen Statthalter bestimmt waren. Als dies geschehen war, legte er sich den Pelzmantel um und versteckte in dessen Brusttasche das heilige Buch mit dem Gelde. Er wandte sich dann nochmals an die Versammelten, bat sie, ihm die Sünden und Vergehen zu verzeihen, die er ihnen gegenüber etw7a begangen hätte, und verließ das Bethaus. Langsamen Schrittes sah man ihn über den dunklen, beschneiten Hof davongehen. In dem kleinen, menschenüberfüllten Betraum war es einen Augenblick totenstill. Dann löste die allgemeine Aufregung sich in Klagen und Tränen. Die hohen Worte der Psalmen ertönten, und andächtig vertieften sich der Rabbiner und die Gelehrten in die heiligen Bücher. Durch die stillen Gassen des Städtchens strich die seltsame Gestalt im Totengewand, das der lange Pelzmantel deckte. Rabbi Usiel erreichte das Haus des Statthalters und trat ein. Er traf den hohen Herrn in einer unerwarteten Situation. Er lag auf einem Sofa, die Beine in die Luft gestreckt und stieß wütende Schimpfworte aus. Sein Bursche stand in unterwürfiger Haltung vor ihm. Aber nicht auf ihn hatte das Schimpfen des Statthalters Bezug, sondern es galt der russischen Regierung, die ihn in diesen verfluchten Erdenwinkel verschlagen hatte. *) Maabar Jabok — die Sammlung toxi Gebeten, die vom Tode und von der Beichte sprechen.

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