Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Rabbi Usiel im Totengewand
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 422 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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422 MENORAH „Euer Gnaden, bei der Heiligkeit unserer Thora schwöre ich, daß niemand etwas von unserm Gespräch erfahren wird." „Das wäre schön dumm," rief der Beamte und lachte, „im Gegenteil: allen sollst du es erzählen, damit alle mir solche Besuche abstatten wie du!" Rabbi Usiel verneigte sich. Er war in wenigen Minuten wieder auf der Straße und eilenden Schrittes auf dem Rückweg zum Bethaus. In der kleinen Synagoge war es indessen ganz dunkel geworden. Die knisternden Kerzen am Altar flackerten gelb. Zusammengekauert auf den Bänken saßen die dunklen Gestalten der Betenden. Es war die Zeit des Mairewgebetes gekommen, und nun erhoben sich alle von ihren Plätzen. Wie schwarzer Samt lag die Dunkelheit hinter den Fenstern. Plötzlich fiel ein heiserer Schrei in die düstere Stille. Einer der Betenden hatte die Gestalt Rabbi Usiels am Fenster vorbeigleiten sehen — im Totenkleid mit dem langen Pelz. Ein kalter Schauer ging durch die Versammlung und jedes einzelnen bemächtigte sich tödliche Angst. „Der Schatten Rabbi Usiels! Wir haben Rabbi Usiel zugrunde gerichtet und nun kommt sein Schatten aus jener Welt zu uns, um ihn zu rächen. Wehe uns, wehe!" Der Rabbiner legte die Hände an seine Schläfen und schaute ins Dunkel hinaus. Es war nichts zu sehen. „Sagen wir das Gebet zu Ende." Seine ruhige Stimme rief die Versammelten wieder zum Leben. „Ich sehe Rabbi Usiels Schatten nicht. Vielleicht ist Gott unserm Bruder beigestanden und er ist dem schrecklichen Tode entgangen. Vielleicht werden wir ihn bald in Freuden wiedersehen." Wieder erklangen die Worte des Gebetes. Kaum war es zu Ende gesprochen, da ging die Tür leise auf und Rabbi Usiel im Totengewand und Pelz erschien auf der Schwelle. Noch einmal erzitterten in Schrecken die Versammelten und niemand wagte, sich zu rühren. Der alte Rabbiner aber ging ruhig zur Tür, näherte sich der Gestalt Rabbi Usiels, nahm seine Hand und führte ihn zum Altar. Der leibhaftige Rabbi Usiel war es. In ungestüme Freude wandelte sich nun der Schrecken. Jeder wollte dem Helden die Hand drücken, ihn umarmen und ihm seine Freude aussprechen. Nachdem die Erregung sich etwas gelegt hatte, vernahm man die leise Stimme Rabbi Usiel: „Gott und seine heiligen Bücher haben mir beigestanden. Da es spät geworden war, habe ich schon auf dem Rückweg Mairew gebetet."