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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. Seite 419

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Rabbi Usiel im Totengewand
Date
1930-09-01
Page
Seite 419 (sequence 2)
Language
German
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RABBI USIEL IM TOTENGEWAND 419 zu erwarten und auf was wir zu verzichten haben. Ein Hoffnungsschimmer besteht noch, daß wir falsch unterrichtet wurden, daß die russischen Beamten gar nicht so grausam sind, wie nan es uns erzählt. Wir müssen jetzt einen Menschen haben, der tapfer und großmütig ist und willens, sich für sein Volk zu opfern. Er muß die Wahrheit erkunden. Es ist aber damit zu rechnen, daß der, der dies auf sich nimmt, sein Leben verwirkt, denn es wird gesagt, daß die Russen furchtbar grausam sind und sie wrerden solches Beginnen nicht ohne Strafe lassen. Zur Ausführung der mutigen Tat ist nur fähig, wer die russische Sprache beherrscht. Ich frage: Ist jemand unter Euch, der bereit ist, die heilige Mission auf sich zu nehmen? Dem, der es tun will, schwöre ich, daß von dem Augenblick an, da er den schweren Gang antritt, bis zu seiner glücklichen Rückkehr, wenn sie ihm von Gott beschieden wird, die hier versammelte Gemeinde das Gotteshaus nicht verlassen wird. Wir werden gemeinsam die Psalmen lesen und die Gelehrten werden sich in die Mischnajes2) vertiefen. So wird der Auserwählte die ganze Zeit hindurch unter dem Schutz der heiligen Thora stehen. Das wird ihm Mut geben und ihn vor dem Schlimmsten bewahren, denn dem Einfluß der heiligen Thora kann keine Kraft auf Erden widerstehen. Wenn unser Gebet aber von Gott nicht erhört wird, wenn es unserem Bruder beschieden sein sollte, von der Hand des grausamen Mörders zu fallen, so geloben wir alle, das ganze Trauerjahr hindurch jeden Tag den Kadischs) für ihn zu sagen und zu seinem Andenken immer wieder die heiligen Bücher zu lesen. Eine solche Ehre ist noch nie einem unserer Brüder zuteil geworden. Ein Mann, der freiwillig sein Leben für sein Volk hingibt, aber hat sie wohl verdient. Schön ist es, zu sterben, wenn man von Tausenden seiner Glaubensbrüder betrauert wird. So ist der Tod eines Gerechten. Ich erwarte nun also, daß jemand von Euch zur Tat sich melde, und Gott möge ihm beistehen. Zuerst aber schwört alle, daß Ihr anderen Euch so verhalten werdet, wie ich soeben es in Eurem Namen verkündet habe." ,,Ja, das schwören wir", so klangen die alten und jungen Männerstimmen durcheinander. ,,Und wir werden unser Wort halten." Dann wurde es still im Bethaus. Ein langes Schweigen. Jeder sah beklommenen Herzens der Entscheidung entgegen. Da plötzlich löste sich ein weißbärtiger Greis aus der Menge und ging langsam auf den Altar zu. Er war einer der ältesten Bewohner der Stadt und alle kannten und liebten ihn: Rabbi Usiel Hakohen4). a) Mischnajes. Einzahl — Mischna. Der grundlegende gesetzliche Teil des Talmud». 8) Kadisch — Gebet, das für einen verstorbenen Verwandten sresagt wird. *) Hakohen — dar Kohan.it — Abkömmling der vormaligen Priesterkasto.

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