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Menorah · 1930-09-01 · Heft 9-10 (September 1930) · p. 418

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 9-10 (September 1930)
Article
Rabbi Usiel im Totengewand
Date
1930-09-01
Page
418 (sequence 1)
Language
German
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RABBI USIEL IM TOTENGEWAND aus: fakoh J^iasc „Erinnerungen", Jalkuth'V erlag Berlin; Deutsch von Vera Mose Eine sonderbare Geschichte hörte ich als Kind meinen Großvater und seine Freunde oft erzählen. Die Schilderungen der Begebenheit stimmten so überein, daß ich fest überzeugt davon bin: es muß sich alles so zugetragen haben, wie ich es jetzt berichten will: Als Mohilew1) nach der ersten Teilung Polens an das russische Reich gefallen war, bekam die Stadt den ersten russischen Statthalter. Die Nachricht von seinem Eintreffen versetzte die jüdische Bevölkerung in große Verzweiflung. Und das hatte folgenden Grund: Es ging das Gerücht um, diese russischen Beamten wären unbestechlich. Jeden, der ihnen Geld anzubieten wage, hingen sie, ohne ihm die Möglichkeit einer Verteidigung zu geben, an einen Galgen, der in einem eigens dazu bestimmten Raum stets bereitstände. Das Geld, das der Bestechung hätte dienen sollen, so sagte das Gerücht, würde dem Erhängten zwischen die Zähne gesteckt, damit jeder es sähe und sich's zur Lehre nähme und die Leiche dürfe nicht beerdigt werden, sondern würde den Hunden zum Fräße hingeworfen. Man kann sich denken, in welchen Seelenzustand dieses Gerücht die unglücklichen jüdischen Bewohner der Stadt versetzte. Waren sie doch völlig recht- und hilflos der Willkür der Obrigkeit und der der übrigen Bevölkerung preisgegeben. Verleumdungen, falsche Denunziationen, grausame Verfolgungen waren an der Tagesordnung. Lange Zeit betrauerten und beweinten die Juden Mohilews ihre hoffnungslose Lage, ohne zu wissen, was sie beginnen sollten, um sie zu ändern. Dann sannen sie auf ein Mittel, durch das sie herausfinden könnten, ob das Gerücht, das sie in die schwere Situation gebracht hatte, der Wirklichkeit entsprach, und wenn es so war, so mußte ein verwegener Versuch gemacht werden, den verhängnisvollen Diensteifer der neuen Beamten zu dämpfen. Wie stets im Leben der Juden, sollte ein allgemeiner Fasttag die Ernsthaftigkeit des Entschlusses kennzeichnen. Alle Juden der Stadt versammelten sich in der sogenannten „Kalten Synagoge". Nach dem Mincha-Gebete wurde der Thoraabschnitt gelesen, der immer die Fasttage des Volkes Israel mit seinen Klagen begleitete. Der Rabbiner bestieg die Kanzel und mit tränenerstickter Stimme begann er seine Rede: ,,Der Versuch muß gemacht werden. Wir müssen wissen, was wir ») Mohilew am Dnjepr gehörte in. früheren Zeiten zu Poleu. Nach der ersten Teilung Polens, die im Jahre 1772 tinter Katharina II. und Friedrich dem Großen erfolgte, wurde Mohilew an Rußland angeschlossen. Yermutlich stammt die Erzählung aus jener Zeit.

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