Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Jüdische Reminiszenzen aus dem alten Russland
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 416 (sequence 2)
- Language
- German
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416 MENORAH tesdienstliche Funktionen auszuüben, aber er mußte in der jüdisches* Lehre auf das genaueste Bescheid wissen, wenn er das Vertrauen seiner Glaubensgenossen genießen wollte, und er mußte andererseits in weltlichen Dingen, in den staatlichen Gesetzen, Verordnungen und Gerichtspraktiken gründlichst versiert sein, um seinen auf ihn so sehr angewiesenen Schutzbefohlenen aus den unzähligen Schlingen und Fallen helfen zu können, die das zaristische Rußland für seine Juden stets bereit hielt. Dank seiner umfassenden und gelehrten jüdischen Bildung und seiner glänzenden juristischen Schulung, vor allem aber dank seiner genialen Dialektik und seiner russischen Sprachmeisterschaft exzellierte Dr. Jakob Mase wie wenige außer ihm in den Fähigkeiten, die sein Amt von ihm forderte. Sein Ruhm und seine Erfolge sind aber insbesondere auch darauf zurückzuführen, daß er, wie man es aus seinen Schriften herausleuchten fühlt, über eine ungemein gewinnende Persönlichkeit verfügte. Die geistige Kraft, die vornehme Denkungsweise, die sittliche Lauterkeit und die feine Kultiviertheit, die von ihr ausstrahlten, eroberten ihm die Sympathien und die Hochachtung auch sonst wenig judenfreundlicher Regierungsbeamten. Das war die geheimnisvolle Erklärung dafür, daß Rabbiner Mase wunderbarerweise zuweilen noch dort etwas erwirken konnte, wo alle anderen versagt hatten. In den Episoden, die er in seinen Erinnerungen zwanglos aneinanderreiht, schildert er mehrere solche verfahrener Situationen, in denen es ihm gelang, noch einen Ausweg zu finden. Ohne, daß er sich auf eine ausführliche Darstellung des alten, judenfeindlichen Rußland einläßt oder auch nur auf die Hauptbegebenheiten jener Jahre eingeht, wird dessen Atmosphäre mit ihrer grausamen Beschneidung der Menschen- und Bürgerrechte der jüdischen Untertanen, mit ihrem ausgeklügelten System von Verfolgungen, Bedrückungen und Verdächtigungen, der ganzen Labilität und Verängstigung, die es für die jüdische Bevölkerung zur Folge hatte, aber auch mit der Bestechlichkeit, Beschränktheit und Gutherzigkeit mancher Beamten, die das qualvolle Dasein trotz allem doch noch erträglich machten, beim Lesen seiner dem Alltag entnommenen Aufzeichnungen nur allzu herzbeklemmend lebendig. Aber noch ein anderes Gesicht tragen diese anspruchslos vorgetragenen und doch eigenartig anziehenden Erinnerungen. Sie lassen auch das vorkriegszeitliche Judentum Rußlands auferstehen mit seiner traditionstreuen Einstellung, seinem leicht entzündbaren Glauben, seinen inneren Klassengegensätzen, seiner theokratischen Ergebenheit, seiner Opferbereitschaft und seinem zähen Behauptungskampf. Präch-