Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1930)
- Article
- Jüdische Reminiszenzen aus dem alten Russland
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 417 (sequence 3)
- Language
- German
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RABBI USIEL IM TOTENGEWAND 417 tigc rabbinischc Gestalten, die mit ihrem sozialen Pathos der vergötternden Gefolgschaft der leidenden Massen ebenso gewiß sind, wie sie von der Kanzel aus durch kindliche Geschichten die Reichen zu sozialen Leistungen zu bewegen vermögen, abergläubische Sitten, wie sie vor wichtigen Unternehmungen praktiziert werden, die strenge jüdische Erziehung der alten Zeit, tief verwurzelte religiöse Anschauungen, aus denen heraus z. B. Karl Marx emphatisch abgelehnt wird, weil er Reichtum und Armut nicht als gottgegebene Dinge gelten läßt, dieses und vieles andere mehr, was für jene noch von mystischem Daseinsgefühl beseelte jüdische Welt bezeichnend war, die der modern denkende und modern gebildete Kronrabbiner zu betreuen hatte, ist darin mit behutsamer Zärtlichkeit und ursprünglicher Frische festgehalten. Am charakteristischesten aber für seinen inneren Menschen und sein jüdisches Wesen ist die Stellungnahme, die er findet, als der für den ungeheuerlichen Beilisprozeß in erster Linie mitverantwortliche Staatsanwalt Wipper von den Sowjetbehörden deswegen zur Rechenschaft gezogen und zum Tode verurteilt wird. Trotz des Abgrunds von menschlicher Verworfenheit und jüdischer Herzensnot, in den Mase, der jüdische Sachverständige, in jenem schrecklichen Prozeß hineingesehen hatte, vermag er, als er das entscheidende Wort gegen den Schurken sprechen soll, Milderungsgründe für ihn geltend zu machen, ,,weil ein Feind, dem es schlecht geht, kein Feind mehr ist 4, und ihn vor der Todesstrafe zu bewahren. Dt. Nadja Stein Marc Chagall Holzschnitt