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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 378

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Im Faltboot über den Geigensee
Date
1930-07-01
Page
Seite 378 (sequence 10)
Language
German
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378 MENORAH dem Esel fortritt, um einen Arzt für eine Kranke zu holen. Ein anderer kehrte des Abends mit dem Boote von Tiberias zurück, damals als noch keine Fahrstraße nach Daganja führte. Das Boot kenterte im Westslurm und der junge Siedler erlrank. Am Ufer ist Mirjam Singer, eine deutsche Jüdin aus Prag, dahei. eine Schar von dreißig Kindern, Knaben und Mädchen, in das Bad zu führen. Alle Gesichter sind braun und fröhlich. Im Speisesaal der Siedlung werden wir zu Mittag geladen. Aber die Tage des Sederfestes sind noch nicht zu Ende, und außer Suppe und Reis gibt es nur Mazze zu essen. Uberall liegen die weißen Tafeln des in dünnen Scheiben gebackenen ungesäuerten Brotes mit ihren schwarzen und braunen Rostflecken wie angebrannte und zerrissene Papierstücke auf den Tischen umher. Zwischen den dunkeläugigen, schwarzhaarigen Gestalten der Siedler und Siedlerinnen, die in weißen Kitteln oder Russenblusen hastig ihr Mahl einnehmen, um zu ihrer Arbeit imf den Feldern zurückzukehren, sitzt ein blauäugiges junges Mädchen in einem roten Kleid und mit llachsblonden Haaren, eine unverfälschte Friesin. Da sie fließend hebräisch spricht, kann ich sie nicht verstehen. Ich blicke sie an und sage: „Sie sind keine Jüdin." ..Ja, das ist teilweise richtig4', erwidert sie, ..nur meine Mutter war Jüdin, ich wurde auch christlich getauft. Aber meine Eltern lebten nicht glücklich in ihrer Ehe. sie wurden früh geschieden. So wuchs ich allein bei meiner Mutter auf, und ich gewann eine solche hiebe zum Judentum, daß ich Jüdin geworden bin. Jetzt bin ich nach Palästina gekommen, um hier auf den Feldern zu arbeiten/' Von den Wänden des Speisesaals blicken die Bilder der Verstorbenen aus alten, krummen und vergilbten Photographien auf unsere» Maidzeit herab, einfache karge Gesichter von russischem Ausdruck mit harter Stirne und tiefen inbrünstigen Augen. Nachher in ihrem wohnlichen Hause hinler den mit dünnen Drahtnetzen bespannten Fenstern zeigt Mirjam Singer, während ihr aus Galizien stammender Mann die Mittagspause benutzt, um die Zimmer zu fegen, mir ihre Gedichte. Ich blättere in den Seiten und lese: ,.Ich hatte weiche, weiße, schwache Schultern, Die nicht gewohnt waren, des Lebens Alltag zu tragen. Jetzt lud ich dreifach drückendes Wollen Auf meine Schultern — es drückt mich nieder. Meine Hände sind hart von Schwielen . . .

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