Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Israels Erbe und Mission
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
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358 MENORAH herrschten dessen Sprache vorzüglich. Mr. Laurie Magnus verfolgt die Spuren der Bibel in der Literatur und zeigt auf, wie nicht nur die Gedanken, sondern auch die Ausdrücke der Bibel Gemeingut der westlichen Welt geworden sind, wie besonders der Stil und der Wortschatz der Prophctie durch die Schöpfer der englischen Bibelübersetzung, durch Milton und Blake in die englische Sprache eingedrungen sind. Während die Vorrede zu dem Buche den Unterschied1 im Erbe der Juden und der Griechen auseinandersetzt, wie er durch das Überleben des Erblassers im ersteren Falle bedingt ist, spricht das Nachwort von den Möglichkeiten der Zukunft, dem Beitrag, den Israel noch einmal leisten werde. Der Verfasser dieses Epilogs ist Dr. Claude Montefiore, gewiß der berufenste Deuter der geistigen Bestrebungen des jüdischen Volkes. Denn er ist der Schöpfer des Liberalismus im englischen Judentum, der Kommentator der Synoptischen Evangelien im Lichte jüdischer Wissenschaft und ein anerkannter Führer der religiösen Richtung im weitesten, allumfassendsten Sinne. Die Fragen, die er sich stellte, sind die folgenden: Ist Israel abgetan und erstorben, soweit geistige Einflußnahme in Betracht kommt? Oder ist Israel noch imstande, der Welt etwas zu geben? Oder, wenn es vielleicht heute nur wenig oder nichts leisten kann, ist Hoffnung vorhanden, daß es in der Zukunft noch befruchtend wirkt? Er setzt voraus, daß die meisten Juden glauben, Israel habe noch eine geistige Aufgabe zu erfüllen. Aber er zeigt, daß die Meinungen über diese Aufgabe auseinandergehen. Der national gesinnte Jude, der an den Wiederaufbau einer Heimstätte in Palästina glaubt, erwartet eine natürliche und ganz von selbst zu erstehende Renaissance der hebräischen Kultur im eigenen Lande. Die Juden werden dort als kompakte Masse leben und ihre besondere Kultur entwickeln, und die Welt wird von dieser neu erstandenen Kultur ihren Nutzen haben. Diese Kultur wird religiöse Dinge einschließen, aber sie wird viel umfassender sein als Religion für sich, so wie die englische oder französische Kultur viel umfassender ist. Und als Blüte der geistigen Wiedergeburt wird von Palästina von neuem das Gesetz ausgehen, zur Bereicherung und zur Reinigung der Welt. Der liberale Jude aber verneint die Vision einer nationalen Wiedergeburt, und glaubt doch, daß er der Welt auf dem Gebiete der Religion noch Dienste zu leisten habe. Doktor Montefiore spricht von diesen Dingen mit persönlicher Überzeugung, aber seine Hoffnungen klingen merkwürdig zurückhaltend und gedämpft. Er sieht voraus, daß man es anmaßend und kühn finden wird, wenn er behauptet, daß Israel noch eine Mission im religiösen Leben der Welt habe. Man sollte meinen, daß die ganze Sache der Mehrheit in der Welt herzlich gleichgültig sei. Trotzdem wagt Dr. Montefiore die These, daß „das Judentum der Sache des Theismus noch einen Dienst zu erweisen habe, und zwar als nicht ganz unbedeutender Verbündeter der christlichen Kirche". Das scheint denn doch eine recht dürftige Vision für die Zukunft eines Volkes, das zweitausend Jahre hindurch die Hoffnung bewahrt hat, es werde den Glauben an den einzigen Gott der ganzen Welt mitteilen. Man denkt unwillkürlich an die Vision Ezechiels, in welcher der Prophet die Verzweiflung der babylonischen Exulanten schildert, die ausrufen: „Unsere Gebeine sind verdorrt, unsere Hoffnung ist dahin — wir sind abgeschnitten von unseren Gliedern." Und doch sind einige Jahrhunderte später die winzigen Reste jener Vertriebenen in ihre Heimat zurückgekehrt, voll feurigen Eifers für ihre religiöse Mission; und ihr Widerstand gegen das hellenistische Heidentum und die dekadente Philosophie, welche die übrige Kulturwelt beherrschten, hat die Zukunft des Menschengeschlechtes mitbestimmt. Benjamin Disraeli, der sich konsequent als Juden und Christen betrachtete, hätte sicherlich diese liberalen Juden mit schweren Vorwürfen bedlacht, weil sie ihr glorreiches