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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 359

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Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Israels Erbe und Mission
Date
1930-07-01
Page
Seite 359 (sequence 3)
Language
German
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ISRAELS ERBE UND MISSION 359 Erbe mißachten. Für ihn war der Jude der Vertreter alles Geistigen im Leben. Für den Judenliberalen ist er nichts weiter als der Vertreter eines besonderen Theismus. Dr. Montefiore stellt die Thesis auf, daß die ganze Welt das Prinzip des hebräischen Monotheismus angenommen habe, aber er übersieht das Wesentliche im Charakter des Judentums — es ist im Gegensatz zum Christentum auf diese Welt eingestellt, während sein Abkömmling das Hauptgewicht auf das Jenseits legt. Das Judentum betont den Wert des moralischen Lebens und hat noch heute nichts von seinem besonderen ethischen Charakter eingebüßt, ja, dieser ist in der Gegenwart von größerer Bedeutung als die theologischen Besonderheiten. Es ist nicht von Belang, daß das alte zeremonielle Gesetz des Judentums auf manchen Juden keinerlei Zwang mehr ausübt, daß dessen Glaube an die Vollkommenheit und Göttlichkeit des von Moses überlieferten Kodex dtorch historische Kritik zerstört ist — die Anschauung des Gesetzes als Religion besteht darum doch fort, auch wenn die Meinung über einen durch Generationen hindurch herrschenden Gesetzkodex modifiziert werden muß. Das Wesentliche im Judentum bleibt das Gewicht, das es auf Werke legt im Gegensatz zu Meinungen; ihm ist nicht die Doktrin die Hauptsache, sondern die Tat. Der jüdische Geist hat in der Vergangenheit mehrere solcher ethischer Kodizes hervorgebracht, oder sagen wir, er hat die ethischen Ideen geschaffen, welche von christlichen und mohammedanischen Lehrern für die westlichen und östlichen Völker fortentwickelt wurden. Und es ist in der Gegenwart genau, wie es in der Vergangenheit war — der Jude legt besonderes Gewicht auf das soziale Leben, nicht nur auf die religiösen Vorschriften. Aus dieser Leidenschaft für Gerechtigkeit im Alltag, für ethisches Vorgehen im öffentlichen Leben wie in der Familie, ist es zu erklären, daß der Jude an der Spitze der Bewegungen steht, die in unserer industrialisierten Zeit für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Man darf nicht vergessen, daß der Jude bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein verhindert gewesen war, am sozialen und politischen Leben der Wirtsvölker teilzunehmen — tausend Jahre lang. Und doch, sobald er wieder am sozialen Kampfe teilnehmen konnte, gab er der Welt Karl Marx, Lasalle, Gambe tta. Es hieße absichtlich blind sein, wollte man die soziale Seite des Erbes übersehen. Die Leidenschaft unseres Volkes für Gerechtigkeit, ganz konkrete Gerechtigkeit, weit entfernt, durch die Emanzipation zu verschwinden, ist einer der lebendigsten Faktoren unserer Zeit. Aus der höchsten Anschauung von der Einheit Gottes und seiner Schöpfung folgt unverweigerlich der Schluß, daß jedes Mitglied der menschlichen Familie das Recht genießen muß, ein gutes Leben zu führen und Wissen zu erwerben. Dieser Grundsatz wird ja gewiß auch von vielen guten Christen verfochten, nicht nur von Juden; aber er treibt die Christen nicht mit solch elementarer Wucht in den Kampf wie die Juden. Vielleicht ist der Grund darin zu suchen, daß der Jude Jahrhunderte lang verfolgt wurde, in vielen Ländern noch heute verfolgt wird, und daß die ausgestandenen Leiden, das schmerzliche Entbehren sozialer Gerechtigkeit nicht nur in wenigen Auserwählten fortleben, sondern in der Masse des Volkes mächtig wirken, so daß es an dem Kampfe um eine verbesserte soziale Ordnung teilnimmt. Sei dem wie immer, das Verlangen nach allgemeiner Gerechtigkeit hat seinen Ursprung in der Lehre der hebräischen Prophetie, und es wirkt sich heute auf höchst merkwürdige Art sowohl in einzelnen bedeutenden Persönlichkeiten aus als auch in der Besiedlung des alten Judenlandes; und es ist das Fortleben jenes Geistes in den Juden seit den Tagen Mosis und Jasajas, welches das tägliche Gebet gerechtfertigt erscheinen läßt: „Gib uns wieder unsere Richter wie am Anfang der Tage, und unsere Ratgeber wie einst.*' Aus dem Knglischen übertragen von Paula Arnold

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