Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVID GOLDERS TOD 355 Stück vom Kuvert weg und schrieb darauf beide Adressen. Golder gebot mit ersterbender Stimme: „Du wirst ihm sagen, daß David Golder tot ist, daß ich ihn bitte, alles für meine Tochter ... zu ordnen . .. daß ich zu ihm Vertrauen habe und. .. " Er setzte aus. Seine Augen kippten um, Schatten füllte sie. „Und . .. Nein... Nur das. Das ist alles. So ist's gut." Er blickte auf den Papierfetzen, den der Kleine in der Hand hielt. „Gib . .. Ich will unterschreiben ... Es wird besser sein." „Sie können's nicht", meinte der Junge. Doch nahm er die Hand Golders, steckte den Bleistift zwischen die schlaffen Finger. „Sie treffens nimmer", wiederholte er. Der Sterbende flüsterte mit Verstörtheit und grauenvoller Versessenheit immer wieder: Golder. . . David Golder." Ersichtlich klang der Name, die Silben, die ihn formten, seinen Ohren wie unbekannte Wörter einer fremden Sprache.. . Und doch... es gelang ihm zu unterschreiben. Er flüsterte noch: „Ich schenk' dir das ganze Geld, das ich bei mir habe. Doch schwöre, alles genau so zu machen, wie ich gesagt habe." „Ja, ich schwöre." „Vor Gott, der dich hört", hauchte Golder. „Vor Gott." Ein plötzlicher Krampf schlich über seine Züge und Blut fing an aus den Mundwinkeln auf die Hände zu fließen. Das Röcheln hörte auf. Der Junge sagte laut, mit verstörter Stimme: „Hören Sie mich noch, Herr Golder?" Starkes Abendlicht, zur Fensterluke hineinleuchtend, fiel auf das verstörte Gesicht Den Jungen überlief es kalt. Diesmal war es wohl zu Ende. Die Geldtasche lag offen unter der ausgestreckten Hand. Er ergriff sie heftig, zählte das Geld, schob sie in die Tasche. Dann steckte er den Zettel mit den Adressen unter seinen Gürtel, hart an die Haut. „Ist er endlich tot?" dachte er. Er wagte sich mit der Hand bis an den Hemdschlitz vor, doch bebten seine Finger so stark, daß er das Schlagen des Herzens nicht wahrnehmen konnte. Er verließ ihn. Wie wenn er Angst hätte, ihn aufzuwecken, schlich er auf Zehenspitzen bis zur Tür. Dann begann er, ohne sich umzusehen, zu laufen. Golder blieb allein. Er hatte das Aussehen und die kalte Unbeweglichkeit der Toten.