Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 356 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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356 MENORAH Doch der Tod überflutete ihn nicht ganz und auf einmal, wie eine Brandung. Er fühlte, wie er die Stimme verlor, die menschliche Wärme, das Bewußtsein des Menschen, der er war. Aber bis zu Ende bewahrte er den Blick. Er sah, wie sich das Licht der untergehenden Sonne ins Meer senkte, wie das Wasser glänzte. Und in der Tiefe seines Herzens zogen bis zu seinem letzten Atemzug unaufhörlich Gesichte vorbei, immer schwächer und blasser, je näher der Tod kam. Einen Augenblick schien es ihm, daß er die Haare, die Haut von Joyce berührt. Dann machte sie sich von ihm los. Während er tiefer in die Nacht versank, verließ sie ihn. Ein letztes Mal glaubte er ihr Lachen zu hören — zart und leicht wie ein fernes Glöcklein. Dann vergaß er sie. Er erblickte Marcus. Einen Moment wirbelten Gesichter, verschwommene Formen, wie zur Dämmerungszeit von W'asserströmung ergriffen. Verschwanden wieder. Und schließlich blieb nichts, als ein kleiner dunkler Straßenwinkel mit einem beleuchteten Laden, ein Gäßchen aus seiner Jugendzeit, eine Kerze hinter einer erfrorenen Scheibe, Abend, Schnee und er selbst... Er spürte auf den Lippen dicke Schneeflocken, die zergehend einen Geschmack von Wasser und Frost hinterließen, wie dazumal. Er hörte eine Stimme, die der Schnee erstickte, der niedrige Himmel und die Dunkelheit „David, David" rufen. Eine schwache Stimme, die sich immer mehr verlor und plötzlich abbrach, wie durch eine Straßen - biegung verschlungen. Das war der letzte Ton, der aus dieser Welt zu ihm drang. Aus dem Französischen übersetzt von Aurelie Gottlieb (Paris)