Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 354 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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354 MENORAH Er betrachtete dann das Portefeuille, das, mit englischem Geld vollgefüllt, zu Boden fiel, als er den Kranken aufs Bett legte. Er bückte sich, hob es auf, schaute hinein, seufzte dann und schob es mit verhaltenem Atem, behutsam in die offene Hand. Eine riesige, schwere, eisige Hand. Schon ganz tot. „Wer weiß? Lieber so .. . Er kann knapp vor dem Tod zum Bewußtsein kommen ... Er kann mir das Geld schenken wollen. .. wer weiß? Wer kann wissen? Ich hab' ihn doch hergeschleppt. Er ist allein." Er begann wieder zu warten. Je mehr es Abend wurde, desto ruhiger wurde das Meer. Das Schiff glitt ohne Stöße. Der Wind hat sich gelegt. ,,Die Nacht wird schön sein", dachte der Junge. Er streckte die Hand aus und berührte die Hand, die vor ihm herunterhing; der Pulsschlag war so schwach, daß ihn das Ticken der Uhr im Lederarmband halb erstickte. Doch Golder lebte noch. Der Körper stirbt nicht leicht. Er lebte. Öffnete die Augen. Sprach. Doch in seiner Brust wallte ständig die Luft mit einem unheilvollen Getöse, teilnahmslos, wie sich ein Strom ergießt. Uber ihn geneigt, horchte der Junge. Golder sagte einige russische Worte, dann auf einmal begann er jiddisch zu sprechen, in der Sprache, die seit seiner Jugend vergessen, jetzt plötzlich zu seinen Lippen heraufstieg. Er redete schnell, sich überstürzend, mit einer fremdartigen Stimme, die von raschen, pfeifenden Tönen unterbrochen wurde. Von Zeit zu Zeit setzte er aus, hob langsam die Hände zur Kehle und tat, wie wenn er eine unsichtbare Last hinaufziehen wollte. Eine Hälfte seines Gesichtes war bereits unbeweglich, das Auge halb offen, glasig und starr. Doch die andere lebte, glühte. Schweiß rann unaufhörlich seine Wangen entlang. Der iJunge wollte ihn wegwischen. Golder stöhnte: „Laß ... Ist nicht mehr der Mühe wert... Höre. In Paris wirst du zu Maitre Selon gehen, rue Auber 28. Wirst ihm sagen: ,David Golder ist gestorben/ Wiederhol'. Wiederhol' noch einmal. Seton, Maitre Seton, Notar. Gib ihm alles, was du in meinem Koffer und in meiner Geldtasche findest. Sag' ihm, er soll alles zum Besten meiner Tochter tun... Dann wirst du zu Tübingen gehn .. . Warte." Er keuchte. Seine Lippen bewegten sich, doch der Junge hörte nichts mehr. Er beugte sich so tief, daß er an seinem Mund den Fiebergeruch und den Atem dies Sterbenden spürte. „Hotel Continental. Schreib's ein", lispelte schließlich Golder. „John Tübingen. Hotel Continental." In Eile zog der Junge einen alten Brief aus der Tasche, riß ein