Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 353 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVID GOLDERS TOD 353 Als der Kapitän, ein dicker, betrunkener Kerl, eintrat, schien Golder zu schlafen. „Was? Er ist tot?" fragte der Kapitän und stieß einen Fluch aus. Golder wandte langsam sein farbloses, spitzes Gesicht, seine bleichen, dünnen Lippen zu ihm hin. Er flüsterte: „Bleiben. . . Sie stehen Da der Kapitän nicht erwiderte, wiederholte er lauter: „Bleiben Sie stehen. Haben Sie verstanden?" Seine Augen brannten unter den halbgeschlossenen, zitternden Lidern so feurig, daß sich der Kapitän täuschen ließ und zu ihm wie zu einem Lebenden achselzuckend sagte: „Sie sind verrückt." „Ich geh' Geld .. . Ich geh' Ihnen tausend Pfund." Der Grieche brummte: „Gehn Sie... Der ist nicht mehr bei Sinnen ... 's beginnt.. . Daß mich der Teufel hole .. . Wozu hab! ich den da aufgegabelt?" Golder stammelte: „Land ..." Dann: „Wollt ihr, daß ich da allein krepiere wie ein Tier? Hunde..." Dann WTorle, die niemand verstand. „Gibt's keinen Arzt am Schiff?" fragte der Junge. Doch der Kapitän war schon weit weg. Der Junge näherte sich Golder, der mit merkwürdiger Schnelligkeit keuchte. „Ein bißchen Geduld," flüsterte er sanft, „bald werden wir in Konstantinopel sein ... Jetzt geht's schnell. . . Der Sturm hat sich gelegt. Kennen Sie jemanden in Konstantinopel? Haben Sie dort Familie? Irgend jemanden?" „Was?" lispelte Golder, „was?" Doch schließlich schien er verstanden zu haben, aber er wiederholte bloß: „Was?" und schwieg. Der Junge flüsterte nervös weiter: „Konstantinopel... Es ist eine große Stadt und man wird Sie dort gut pflegen. . . bald werden Sie genesen. . . Haben Sie keine Angst." Doch im selben Augenblick wurde es ihm klar, daß der alte Golder im Sterben lag. Dumpfes Todesröcheln ertönte zum erstenmal aus der gepeinigten Brust. Eine Stunde fast dauerte es. Der Junge zitterte. Doch ging er nicht fort. Er horchte, wie in der Kehle des Sterbenden sich die Luft mit einem tiefen und heiseren Rollen wälzte, eine unbegreifliche Kraft, als wenn den Körper schon ein fremdes Leben ergriffen hätte. Er dachte: „Noch einen Moment.. . noch ... Dann hört's auf. . . Ich geh' weg.. . Mein Gott, ich kenn' ja nicht einmal seinen Namen."