Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 350 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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350 ME N OB AH die Lider, erblickte unklar einen Mann in gebeugter Stellung, der sich krampfhaft an der Eisenstange festhielt, sie mit beiden Armen umfassend. Eine Welle kam springend bis an Golders Füße. Er fühlte, wie das Wasser ihm in Augen und Mund drang. Er wich bebend zurück. Der andere folgte ihm. Mühsam stiegen sie hinunter, an jeder Stufe gegen die Mauer geschleudert. Mit angstbebender Stimme murmelte der Mann russisch: ,, Welch ein Wetter, mein Gott, welche ein Wetter. . . " Tiefe Dunkelheit herrschte und Golder sah nur etwas wie einen langen Überrock, der bis zum Boden reichte. Doch wohl erkannte er den singenden Tonfall, der die Worte wie ein Rezitativ modulierte. „Die erste Überfahrt," fragteer, ,,a Jüd?" Der Mann lachte nervös. „Aber ja," lispelte er mit freudiger Überstürzung, „und Sie?" „Ich auch", sagte Golder. Er setzte sich auf den alten, abgenützten Samtdivan, der an der Wand stand. Der andere stand vor ihm. Mit seinen erstarrten Händen suchte Golder mit Anstrengung in der Westentasche seine Zigarettendose und reichte sie ihm geöffnet hin. „Nimm dir." Das Streichholz anzündend, hielt er es einen Moment in die Höhe und besah das vorgeneigte Gesicht. Es war jung, fast jünglingshaft, blaß, mit einer langen traurigen Nase, gekräuseltem, wolligem, schwarzem Haar, riesigen, unruhigen, verschwommenen und fiebrigen Augen. „Was für ein Landsmann?" „Aus Kremenetz in der Ukraina." „Ich kenn's", murmelte Golder. Einst war es ein armseliges Städtchen gewesen, wo im Schmutz schwarze Schweine und jüdische Kinder herumkrabbelten. Viel anders wird es seither wohl nicht geworden sein.. . „Du gehst also fort! ... Für immer?" „O, ja!" „Jetzt weggehen, wozu? Zu meinen Zeiten war's gut, das!" „Ach, ich bitt* Sie," sagte der kleine Jude mit seinem Akzent, der zugleich komisch und traurig war, „wird es denn für unsereinen je anders? Ich zum Beispiel bin ein ehrlicher Bursch, und bin vorgestern aus dem Gefängnis gekommen. Und weshalb? Ich hatte den Auftrag, aus dem Süden nach Moskau einen Waggon Fruchtbonbons zu expedieren. Es war grad Sommer, heiße Tage, in den Waggons schmolz die ganze Ware. Als ich in Moskau angelangt bin, sind die Zuckerl aus den Kisten geronnen. Aber war das meine Schuld? 18 Monate bin ich