Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- David Golders Tod
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVID GOLDERS TOD 347 die Stadt schien leer zu sein. Dickkörniger Sand, vom Meere hergeweht, verhüllte bis zur Hälfte die Tafeln, bedeckte die Straßen, in denen die Fußtapfen wie in Schnee tief eingegraben wTaren. Golder winkte einen Jungen herbei, der lautlos lief; barfuß, inmitten des Fahrweges. „Bringst mir den Koffer zum Hafen? Gibt's keinen Wagen hier?" Das Kind schien nicht zu verstehen. Doch es nahm den Koffer und marschierte vorwärts. Die Häuser waren zu, die Fenster mit Brettern vernagelt. Banken, Öffentliche Gebäude, doch ihrer Bestimmung entzogen, verlassen. An den Mauern Spuren des Reichsadlers im Stein eingeritzt; wie Wunden . .. Unwillkürlich beschleunigte Golder die Schritte. Er erkannte gewisse dunkle und alte Gassen undeutlich wieder, baufällige Holzhäuser. Doch diese Stille... Plötzlich blieb er stehen, Sie waren nicht mehr weit vom Hafen. Die Luft roch nach Salz und Schlamm. Eine kleine, schwarze Schusterbude mit dem Blechstiefel, der vor dem Fenster grinsend hin und her wackelte.. . An der Ecke stand noch das Haus, in dem er gewTohnt hatte, ein Unterschlupf für Matrosen und Dirnen. Der Schuster war ein Cousin seines Vaters, der sich hier niedergelassen hatte. Golder pflegte manchmal bei ihm zu speisen. Er erinnerte sich dessen gut... Er trachtete mit aller Anstrengung, sich seine Züge zu vergegenwärtigen. Doch er fand nur den Klang der spitzen, klagenden Stimme wieder, gewiß, weil sie der des Soifer glich. „Bleib, Junge. .. Glaubst wohl, daß man das Geld dort am Boden findet, dort? Geh, überall ist das Leben schwer." Instiktiv vollführte Golder eine Bewegung, wie um auf die Klinke zu drücken, doch ließ er seine Arme wieder fallen. Schon achtundvierzig Jahre war es her. Er zuckte mit den Achseln, ging weiter. „Was, wenn ich doch geblieben wäre?" Er lächelte mit den Mundwinkeln. Wer weiß? Gloria, die die Wirtschaft besorgt und Freitag abends Gänseschmalzkuchen bäckt. Er murmelte leise: „Ja, das Leben ..." Doch wie seltsam, daß er nach so vielen Jahren in dieses Nest verschlagen wurde. Der Hafen. Er erkannte ihn wieder, wie wenn er ihn gestern verlassen hätte. Das halbverfallene Zollamtsgebäude. Gestrandete Kähne, in Sand vergraben, schwarz, plump, voller Kohle und Abfälle... Grünes, schmutziges, dickes Wasser, wie einst, mit Gemüseschalen und Tierabfällen besät. Er ging an Bord. Es war ein kleiner griechischer Dampfer, der wie vor dem Kriege zwischen Batum und Konstantinopel kreuzte. Es schien ein Passagierschiff gewesen zu sein, denn er wahrte