Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 341

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Die Jüdin in der modernen Literatur
Date
1930-07-01
Page
Seite 341 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912905-2925461--09252-2925591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE JÜDIN IN DER MODERNEN LITERATUR 341 In einem merkwürdigen deutschen Roman—„Die böse Unschuld" von Oskar Baum —, der in einem kleinen, von Juden stark besuchten Kurort spielt, kommt eine Jüdin aus dem Volke vor, ein sanftes, aber hysterisches Mädchen. Sie ängstigt einen jungen Studenten, der eine andere liebt, durch die Behauptung, sie erwarte ein Kind von ihm. Das ganze Städtchen glaubt es und sieht den unglücklichen jungen Mann mit schiefen Augen an, und bei ihm zu Hause herrscht in der vornehmen, altmodisch-jüdischen Familie höchste Bestürzung. Aber der Student ist dem Mädchen niemals zu nahe getreten. Endlich erweist sich dann auch, daß sie überhaupt nicht schwanger ist, sondern daß ihre krankhafte Neigung für den jungen Mann ihre hysterische Uberspannung so sehr steigerte, daß sie sich einbildete, ein Kind von ihm unter dem Herzen zu tragen. Obwohl ein leicht humoristischer Ton die Seiten dieses Buches niemals verläßt, geht etwas Beklemmendes von der ganzen Erzählung aus und namentlich von der Zeichnung des jüdischen Volksmädchens, das viel sanfter und gebildeter ist als ihre grobschlächtige Eamilie, die das angebliche Verhältnis mit dem reichen jungen Mann ausbeuten will. Ein bleiches Mädchen, das von jedem Windstoß des Lebens umgeworfen werden kann und das in jämmerlicher Einsamkeit zwischen ihrer Familie und dem reichen Jungen steht, der nur Mitleid mit ihr empfindet. Dieser kaum bekannte Roman verdiente, mehr beachtet zu werden. Ii atürlich ist das Thema mit diesen Gestalten nicht erschöpft. Auch im Werk Jacob Wassermanns, Arthur Schnitzlers, des Holländers Israel Qiuerido usw., sind Jüdinnen zu finden, ohne daß es stets Typen sind. Je normaler sich die jüdische Romanliteratur und Bühnendichtung gestaltet, desto unmöglicher wird es sein, den hier behandelten Gegenstand zu umfassen. Daß seine Frauengestalten Jüdinnen sind, wird eine Selbstverständlichkeit sein für den künftigen jüdischen Schriftsteller, denn er wird sich's zur Aufgabe machen, in Menschenbildern und Zeitgemälden eine Schilderung seines eigenen Volkes zu geben. Was ich angestrebt habe, ist vornehmlich, die emanzipierte Jüdin, wie die Literatur sie gesehen hat, dem Leser nahezubringen. Und dann finden wir, daß, wie verschieden auch die Frauen waren, die der jüdischen Gemeinschaft angehörten, sie doch alle unsagbar heftig durch die Emanzipation erschüttert wurden. Aus der alten Ghettojüdin, bei der es nur Unterschiede gab mit Bezug auf Tugenden und Untugenden, Sanftheit oder Robustheit des Charakters,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.