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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 340

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Die Jüdin in der modernen Literatur
Date
1930-07-01
Page
Seite 340 (sequence 21)
Language
German
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340 MENORAH Der dumpfe Unterton eines solchen Satzes ofYenbart den ganzen Charakter Mirels als einer Natur, die bereits von der Geburt an lebensmüde ist und deren Lebensverachtung durch HaskaLah und Lektüre verstärkt wurde. Nicht mehr die romantische Aufrührerin, die es für Fortschritt und Freiheit gegen ihre Eltern, gegen eine ganze Welt aufnimmt, sondern eine, die sich der von ihr verachteten Welt unterwirft, da sie jegliche Gedanken und Gefühle zu unbelangreich findet, um dafür zu streiten. Unbelangraich findet Mirel eigentlich alles, und darum sind sie und ihresgleichen die niedrigsten Prostituierten der Welt, weil sie sich selbst, ihre Gefühle, das Leben ringsum, kurz alles prostituieren und alles gegeneinander auswechseln. Mirel verläßt endlich den Mann, den sie ohne Liebe geheiratet hat, den Studenten Lapkes, der ihr nachlief, — und auch das Land. Wohl jedoch hat sie einen Brief hinterlassen, den vollständig zu beendigen es ihr an Kraft und Lust fehlte und worin sie selbst ihrem eigenen Leben die traurig-wahre Deutung gibt: „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, aber irgend hin muß ich gehen. Von den Bäumen fallen schon die welken Blätter, und ebenso ist es auch in meinem Herzen. Ich lebe jetzt meinen Herbst, Montschik. Vom Tage meiner Geburt an lebe ich hin und habe niemals einen Frühling gehabt. Jemand hat für mich meinen Frühling gelebt, und ich sehe es von Tag zu Tag klarer, noch ehe ich geboren wurde, hat jemand für mich meinen Frühling gelebt." Deutlich ist in dieser herbstlich gestimmten ostjüdischen Erzählung das Bedrückende zu spüren, das über der düsteren, mächtigen Fläche Rußlands liegt, wo die kleinen Orte so weit voneinander entfernt sind und das Leben so quälend langsam verläuft. Und auch spielen altjüdische kabbalistische Vorstellungen, der Glaube an Seelenwanderung, an Dibuks, Golems, durch das verdüsterte Denken dieser Frau, der man ihren Frühling geraubt hat. Aber gleichfalls ist sie die moderne Europäerin, Emma Bovary, die gelesen hat, daß Liebe das Höchste auf Erden ist, dasjenige, worum sich das ganze Leben dreht; ihrem nüchternen Verstände ist es nicht entgangen, daß Leidenschaft entweder auf -einer Sinnestäuschung oder auf einer unnatürlichen, sonderbaren Abweichung beruht und nur ein paar Stunden, nicht jahrelang dauert. „Alle diese Menschen wissen wohl längst, daß die Liebe nicht das Wichtigste im Leben sei. Ein jeder weiß es für sich, und niemand spricht es aus. Was ist aber das Wichtigste? Gibt es im Leben vielleicht doch noch einen verborgenen Winkel, wo man erfahren könnte, was das Wichtigste sei?4'

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