Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 339 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE JÜDIN IN DER MODERNEN LITERATUR 339 Achtung verlangt, vorziehen, und der, welcher das unbedenkliche, zwingende Gefühl am höchsten schätzt, wird der Meinung, die Brod in „Franzi" ausspricht, beipflichten. Brod selbst nimmt indessen keinen unveränderlichen, festen Standpunkt ein. Er ist ein Weiser, der eine Erscheinung stets anders sieht und beleuchtet und ruhig seine Jüdinnen schildert, wie man sie auch beurteilen mag, indem er sich glücklicher fühlt, wenn er die Frauen seiner Rasse preisen darf und ihre weniger schönen Eigenschaften nicht in den Vordergrund zu stellen braucht. Wir sind nun der emanzipierten Jüdin auf ihrem etwas gefährlichen, aber interessanten Lebensweg gefolgt und haben gesehen, wie ihre Emanzipation sie zum Guten und Bösen, zu prachtvoller Ausgeglichenheit von Gefühl und Verstand, zu Traum und Tat führen kann, aber auch zu jeglichem Überschwang in den Bezirken des Verstandes, des Gefühls, der Sinne. Eine der letzten und vielfach beschriebenen Entwicklungsstufen im Seelenleben der modernen Frau könnte man ihre Enttäuschung durch das Leben nennen, die Unmöglichkeit, Befriedigung zu finden ihrer Sehnsüchte, die entweder ihrem Wesen nach zu unbestimmt oder durch gierig verschlungene Lektüre zu romantischen Unmöglichkeiten übersteigert sind. Diese Frauen gehen ewig schwanger mit einem finsteren Gefühl der Enttäuschung über entzauberte Illusionen. Am kühlsten wurde diese Desillusionierung von Flaubert in seiner „Madame Bovary" enthüllt, und nach Emma Bovary hat man dann auch diese in der modernen Zeit ziemlich häufig vorkommende seelische Verfassung „Bovarismus" genannt. Dieser „Bovarismus", wie er sich in einer Ostjüdin zeigte, wurde mit viel künstlerischer Keuschheit, mit einer lyrischen Getragenheit durch David Bergelsons Roman „Das Ende vom Lied" in die jiddische Literatur gebracht. (Wer des Jiddischen nicht mächtig ist, sei auf die ausgezeichnete Übertragung hingewiesen, die Alexander Eliasberg mit großem Feingefühl besorgte und die 1923 in Berlin erschien.) Mirel, die jiddische Bovary, Kind der Haskalah, wohnt in einer russischen Kleinstadt. Sie hat recht viel geflirtet, aber wenig geliebt, und ihr Gefühl ist vertan, bevor sie es wirklich entfalten konnte: „Einst sei sie etwas gewesen und hätte eine starke Abneigung gegen etwas gehabt. . . Heute stelle sie aber nichts mehr vor und wisse überhaupt nicht mehr, was mit ihr weiter geschehen solle. Und nun läßt sie sich gutwillig ein Kleid für ihre Hochzeit anprobieren."