Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1930)
- Article
- Die Jüdin in der modernen Literatur
- Date
- 1930-07-01
- Page
- Seite 338 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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338 MENORAH christliches Mädchen, die gab sich hin und fragte nicht, ob der Mann sie für immer nahm oder nur für einmal, als Laune. Sie mußte einfach. Es war keine Wertung dabei. Auch dem wertlosen Mann hätte sie sich hingeben müssen, aus Instinkt, aus dem Moment heraus, aus ihrer eigenen Liebesfülle. Wo ist die Jüdin, die dazu imstande wäre! Wo ist die Jüdin, für die zumindest die ernstliche Gefahr bestünde, sich wegzuwerfen? Entweder sie ergibt sich gar nicht, auf keinen Fall, oder sie hat schon so sehr den Halt verloren, daß jeder sie haben kann. Wie eine Flaumfeder oder wie ein unbewegliches Stück Blei/4 — Und weiter: „die Jüdin steht außerhalb aller Gefahr." Dann wieder betrachtet Brod die jüdische Frauenpsyche in diesem Buch von einer anderen Seite: ,,Nein, kein Ghetto, königliche Herrschaft der Frau! Minderwertig? Es mag sein, daß die Französin, die Russin sich schneller hingibt und daß das vielleicht vorzuziehen ist vom Standpunkt männlicher Bequemlichkeit. Aber ob es auch größer, erhabener ist? Wahr, die Jüdin gibt sich nur dem, der sich auch ihr ganz und unbedingt gibt. Furchtbar allentscheidendes Schicksal ist ihr die Liebe, kein Spiel.'4 Ich glaube, daß Brod hier volkspsychologische Zusammenhänge aufweisen will, die in Wirklichkeit nicht bestehen und allein wirtschaftliche oder gesellschaftliche Erscheinungen sind. Sicher ist die Jüdin aus der Volksklasse in ihrem Liebesleben weniger spontan als die Christin, eine Tatsache, die auch der holländische Dichter Heyermans in seiner ,,Diamantstadt" ihr vorgeworfen hat. Aber das ist keine psychologische Eigentümlichkeit der Jüdin, sondern die Folge der strengeren Auffassungen des Ghettos, das zufolge seiner alten Morallehre die uneheliche Mutter und mehr noch die ehebrecherische Frau tief verachtet, ja ausstößt. Und es ist wahrzunehmen — ob's einen Gewinn darstellt, weiß ich nicht —, daß das Ghetto im Laufe der Zeiten milder urteilt und auch die Zahl der unverheirateten Mütter unter den Ghettomädchen zunimmt. Bei sittlich entwickelten Menschen ist die völlig nn selb st süchtige Liebe, die gibt und tragen will ohne zu fordern, eine Seltenheit; ob die Jüdin dafür weniger empfänglich ist als die Arierin, dürfte eine etwas zu theoretisierende Frage sein. — Übrigens frage ich mich ab, ob man den Mann achten kann, der, ohne sich zu binden und um der Laune eines Augenblicks willen, eine Frau zum Freiwild macht, indem er sie aus ihrer Klassengemeinschaft loslöst. — und ob es nicht von höherer Fraulichkeit zeugt, wenn die Liebe der Achtung des Geliebten bedarf. Derjenige, der in der Redlichkeit den höchsten Menschenadel erblickt, wird eine Liebe, die auch