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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 336

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Die Jüdin in der modernen Literatur
Date
1930-07-01
Page
Seite 336 (sequence 17)
Language
German
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336 ME NORAH ins Gespräch zu werfen, ohne auf deren Probleme näher einzugehen. Ihr Geschmack ist negativer Art. Sie findet allein schön, was andere häßlich finden. In jedem Augenblick hat sie andere Ideen, Vorlieben, Meinungen, eigentlich darum, weil sie überhaupt keine besitzt. In ständigem Wechsel spielt sie sich selbst eine stets andere Rolle vor. Und dennoch läuft durch das wirre Gewebe ihrer krankhaften Wünsche ein Faden von Wahrhaftigkeit. Irene ist manchmal wirklich wehmütig und trauert um ein Glück, das niemals kommen will, um geistige Ruhe, die sie ins innere Gleichgewicht bringen könnte. Die Sphäre, worin sie lebt, dieser kleine Modekurort Teplitz, macht sie verrückt. Sie sieht, wie ihre Mutter spinnenhaft ein Netz schöner Berechnungen webt, um der Tochter einen Mann zu fangen. Die straffe Anspannung ihrer Nerven verschärft sich noch in der sommerlichen Hitze. Sie versauert mehr und mehr, übt an jedermann treffende, aber verletzende Kritik . .. bis es ihrer Mutter glückt, den Dr. Taubeiis, den beliebtesten Augenarzt am Platze, durch viel Raffinement in ihrem Netz zu fangen, und bis Taubeiis, jemand, der noch soeben von Irenes Kritik zerrissen worden war, sich mit ihr verlobt. Wie mit einem Zauberschlag ist Irene nun verändert. Sie liebt ihren Verlobten innig, interessiert sich für seine Arbeit, macht laute Reklame für ihn, ist freundlich zu jedermann, lacht über ihren krankhaften Persönlichkeitskult von früher und wird das echte gute Mädel, das sie eigentlich immer war, und das alles, weil sie jetzt in der Umgebung lebt, worin, wie Brod zeigt, die Jüdin allein zu freier, harmonischer Entwicklung gelangen kann: in der Familie. Max Brod mit seinem gesunden Blick aufs Leben sieht das Vorübergehende all' dieser übertriebenen Gehirnlichkeit, dieses krankhaften Neuropathentums, das der Nichtjude der modernen jüdischen Frau vorwirft, weil er nicht begreift, daß gerade bei der Jüdin das alles nicht tief wurzelt und meistens verschwindet, wenn sie sich der eigenen Familie widmen kann. Neben Irene, die ironische Hyperintellektuelle, stellt Brod Olga, die ausgeglichene Jüdin, ein Dorfmädchen, stark, gut und gesund, das Mitleid empfindet mit jedermanns Leid und Herren gegenüber sehr unwirsch tut, um ihnen doch nur ja zu zeigen, wie wenig sie um das verdorbene starke Geschlecht gibt. Aber auch Olga ist einer schönen, fraulichen jungen Liebe fähig und kennt quälende Eifersucht, die sie kräftig zu bezwingen trachtet; ihr Gefühlsleben ist nicht minder intensiv, als das der scharf züngigen Irene.

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