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Menorah · 1930-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1930) · p. Seite 335

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1930)
Article
Die Jüdin in der modernen Literatur
Date
1930-07-01
Page
Seite 335 (sequence 16)
Language
German
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DIE JÜDIN IN DER MODERNEN LITERATUR 335 rigen Ironie, welche der jüdischen Rasse so eigentümlich ist. Aber Heinrich ist nicht der Mann danach, seinen Vater zu betrügen, und er läßt sich auf eine Geschäftsreise nach Südamerika schikken, wo er einem Fieberanfall erliegt. Frau Antony wirft da ihr wertlos gewordenes Leben weg wie einen alten Fetzen Zeug und geht mit einem galanten Freunde Heinrichs auf und davon. Sie wird wohl zu den modernen emanzipierten Jüdinnen gehören, die über die geistige Freiheit in die Knechtschaft des Fleisches geraten. Bemerkenswert ist jene bei Georg Hermanns Romanen so stark ausgeprägte Liebe, die sich der eigenen Rasse zuwendet. Nachdem in der Literatur infolge der Anziehungskraft der Gegensätze stets die Jüdin den Christen, der Jude die Christin suchte (Ivanhoe und Re becca, Templer und Jüdin), neigt das gegenwärtige Schrifttum dazu, die Jüdin zu ihrem Stammesgenossen zurückzuführen. Sie beginnt zu fühlen, daß sie allein zu dem Sohne ihres Volkes gehört und nur bei ihm Verstehen finden kann. Heinrich Schön, der mit einem Mädchen aus deutschen Adelskreisen verlobt war, fängt an einzusehen, daß zwischen ihm und Annchen an Stelle der Anziehung eine Abstoßung stattfindet, und daß an einem einzigen Blick, den er mit der Jüdin Antony wechselt, mehr Begreifen liegt als in einem ganzen Gespräch mit Annchen. Auch Jettchen Gebert findet erst in ihrer Liebe zu ihrem Onkel Jason das gegenseitige Verständnis, nachdem sie Kößling, dem germanischen Intellektuellen, geistig so ferngestanden hatte. Diese neuartige Erscheinung kommt ebenfalls, obwohl böswillig ausgelegt, in Donnays ,,Le Retour de Jerusalem'4 zum Ausdruck1). Max Brod, einer unserer bewußtesten und seinem Volke am herzlichsten zugetanen jüdischen Schriftsteller, hat in seinem Prosawerk sein tiefgehendes Erfassen der modernen jüdischen Frauenseele bewiesen; zahlreiche Nuancen und Formen dieser Seele hat er skizziert, und immer sah er sie anders. Dann einmal lobend, dann wieder tadelnd beleuchtete er sie. Ein ganzes Buch hat er der Zergliederung dieser modernen jüdischen Frauentypen gewidmet: ,,Jüdinnen." Die Hauptperson Irene ist ein Mädchen von 25 Jahren, überintellektuell und vielleicht ein wenig versauert, weil ihre Freundinnen früher heiraten als sie. Eine echte Dilettantin ist sie, die es liebt, über berühmte Leute, die sie kennt, zu sprechen, indem sie sich damit begnügt, die Namen gelehrter Größen l) Eine Jüdin, die aus der Zeit stammt, da die Frauen es mit Bildung", Freiheit nnd Liebe noch ernst nahmen, und die das tanzende Jüngste Geschlecht nicht mehr begreift, zeichnet Hermann in seinem Roman: „Die Träume der Ellen Stein".

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